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29.06.2026 | 05:27

Die Aufräumer: Zefiro Methane, 374Water, Befesa und der milliardenschwere Markt der Altlasten

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Bildquelle: Pixabay

Brennende Wasserhähne, verseuchtes Grundwasser, Giftstaub aus Stahlöfen: Die Industrie hinterlässt Altlasten, gegen die konventionelle Entsorgungslösungen machtlos sind. Drei Unternehmen haben genau dort eine Marktlücke entdeckt: Zefiro Methane verschließt Millionen verwaister Bohrlöcher in den USA, 374Water beseitigt Ewigkeitschemikalien und Befesa macht aus dem toxischen Filterstaub der Stahlindustrie verwertbares Zink. Das Kalkül hinter allen drei Geschäftsmodellen ist dasselbe: Je schwerer die Umweltsünden wiegen, desto größer der Markt – und strenge Regulierung wird hier zum Umsatztreiber, nicht wie in anderen Branchen zum Risikofaktor.

Lesezeit: ca. 8 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: ZEFIRO METHANE CORP | CA98926D1069 | NEO: ZEFI , BEFESA S.A. ORD. O.N. | LU1704650164 , 374WATER INC | US88583P2039 | NASDAQ: SCWO

Inhaltsverzeichnis:


    Zefiro Methane: Verwaiste Bohrlöcher und explodierende Häuser

    Immer wieder gehen die Bilder um die Welt: brennende Wasserhähne in amerikanischen Küchen, aus deren Leitungen plötzlich Gas strömt. Vereinzelt sind über den Hinterlassenschaften der Öl- und Gasindustrie sogar ganze Wohnhäuser in Flammen aufgegangen. Die Proteste der Bevölkerung nehmen zu. Doch das sind die spektakulären Ausnahmen. In aller Regel spielt sich das Problem im Verborgenen ab – und genau dort setzt Zefiro Methane an. In den USA blasen Millionen stillgelegter, herrenloser Öl- und Gasbohrlöcher unkontrolliert Methan in die Atmosphäre, ein Treibhausgas, das kurzfristig ein Vielfaches der Klimaschäden von CO₂ verursacht. Diese vergessene Altlast hat sich das Unternehmen mit Sitz im kanadischen Vancouver zur Geschäftsgrundlage gemacht. Über die US-Tochter Plants & Goodwin (P&G), einen Traditionsbetrieb mit über 50 Jahren Erfahrung im Versiegeln von Bohrlöchern, verfügt Zefiro über die operative Schlagkraft, die diesem Nischenmarkt bislang fehlte.

    Rückenwind kommt vom Staat. Über das Infrastrukturprogramm IIJA stellt die US-Regierung 4,7 Mrd. USD bereit, um verwaiste Quellen fachgerecht zu verschließen – ein planbares, politisch abgesichertes Auftragsfundament. In Kernregionen sichern sich Zefiro respektive P&G nach eigenen Angaben rund 25 % der ausgeschriebenen Projekte. Das Gesamtvolumen des US-Marktes für die Sanierung der schätzungsweise mindestens 2,2 Mio. Altbohrlöcher wird indes auf 400 bis 600 Mrd. USD taxiert. Entscheidend ist, dass aus dieser Marktstellung inzwischen ein tragfähiges Geschäft geworden ist: In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres erzielte Zefiro einen Rekordumsatz von 33,2 Mio. USD – ein Plus von 36 % gegenüber dem Vorjahr – und wies zum dritten Mal in Folge ein positives bereinigtes operatives Ergebnis (EBITDA) aus. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil das Winterhalbjahr witterungsbedingt traditionell die schwache Phase in diesem Geschäft ist. Der Sprung in die schwarzen Zahlen ist damit kein Einmaleffekt mehr, sondern ein stabiler Trend.

    Den größten Wertzuwachs verspricht eine zweite Erlösquelle. Zefiro misst den Methanausstoß vor und nach der Versiegelung, lässt die verhinderte Klimaschädigung über das renommierte Zertifizierungsprogramm American Carbon Registry bestätigen und erhält dafür CO₂-Gutschriften, die über Vorverträge an internationale Handelshäuser wie EDF Trading verkauft werden. Dieser Markt für freiwillige CO₂-Ausgleichszertifikate steht erst am Anfang – ein Optionswert, der in den aktuellen Zahlen noch kaum sichtbar ist. Operativ hat das Tempo zuletzt spürbar angezogen. Mit der Übernahme des Equipments von Viking Well Services weitete Zefiro seine Präsenz auf 13 US-Bundesstaaten aus und gewann vier neue Großkunden aus der Energiewirtschaft, darunter drei börsennotierte Konzerne mit zusammen über 140 Mrd. USD Börsenwert. In Ohio läuft parallel ein Dreijahresvertrag über 19,6 Mio. USD; Mitte Juni kamen weitere staatlich finanzierte Aufträge über 2,4 Mio. USD für zwölf Bohrlöcher hinzu.

    374Water: Mit Druck und Hitze gegen Ewigkeitschemikalien

    Zefiro verhindert, dass ein vergessenes Gas in die Atmosphäre entweicht; beim US-Unternehmen 374Water geht es um eine Belastung, die nicht entweicht, sondern bleibt – praktisch für immer. Im Mittelpunkt stehen PFAS, per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, wegen ihrer Langlebigkeit auch „Ewigkeitschemikalien“ genannt. Sie stecken in Löschschäumen, Antihaftbeschichtungen wie Teflon und zahllosen weiteren Alltagsprodukten. Die Stoffe reichern sich in Böden, im Grundwasser und im menschlichen Körper an, auf natürlichem Weg bauen sie sich kaum ab. Mit strengeren Grenzwerten wächst der Druck, sie nicht nur aufzufangen, sondern dauerhaft zu beseitigen – und genau darauf beruht das Geschäftsmodell von 374Water. Das Verfahren heißt überkritische Wasseroxidation: Unter hohem Druck und bei über 374 °C (daher der Unternehmensname) wird Wasser in einen Zustand zwischen flüssig und gasförmig versetzt, in dem sich organische Schadstoffe nahezu vollständig zersetzen. Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Methoden liegt darin, dass die Belastung tatsächlich zerstört und nicht nur verlagert oder gebunden wird. In unabhängig geprüften Tests, validiert durch das Ingenieurunternehmen Arcadis und begleitet von einer Innovationseinheit des US-Verteidigungsministeriums, lag die Zerstörungsrate bei über 99,9 %.

    Bis zum tragfähigen Geschäft ist es gleichwohl noch ein Stück. Seit Ende 2024 läuft ein Pilotprojekt an der Kläranlage Iron Bridge der Stadt Orlando; Anfang 2026 folgte ein zunächst auf fünf Jahre angelegter Vertrag für den Vollausbau zu einem dauerhaften Vernichtungs-Drehkreuz, das im Anfangsbetrieb 3 bis 5 Mio. USD Jahresumsatz erbringen soll. Mit Co-Investoren ist perspektivisch ein Vielfaches möglich. Die jüngsten Zahlen zeigen jedoch, in welch frühem Stadium das Geschäft noch steckt: Im ersten Quartal 2026 lag der Umsatz bei lediglich 0,55 Mio. USD, unter dem Strich stand ein Verlust von 4,57 Mio. USD. Immerhin verbesserte sich die Bruttomarge deutlich, von 25 % auf 63 %. Der Aufbau der Infrastruktur kostet damit weiterhin mehr, als das operative Geschäft einspielt – zur Expansion ist das Unternehmen aus North Carolina auf frisches Kapital angewiesen.

    Das Marktpotenzial ist gleichwohl beträchtlich. Allein der US-Markt für die Entsorgung von Klärschlamm wird auf über 2 Mrd. USD beziffert, und die mit PFAS verbundenen Haftungsrisiken treiben Kommunen, Industrie und Behörden zunehmend zum Handeln. Den Zugang zum lukrativen Behördengeschäft – etwa der Sanierung kontaminierter Militärstandorte – ebnet eine Partnerschaft mit dem Entsorger Crystal Clean. An der US-Technologiebörse Nasdaq bleibt 374Water mit einem Börsenwert von rund 35 Mio. USD jedoch ein Kleinstunternehmen mit entsprechend hohem Chance-Risiko-Profil.

    Befesa: So wird giftiger Staub zum wertvollen Rohstoff

    Nicht weniger gefährlich als PFAS sind die Reststoffe, die bei der Stahlerzeugung in Elektrolichtbogenöfen entstehen: zink- und schwermetallhaltiger Filterstaub, der als Sondermüll gilt und nicht auf der Deponie landen darf. Gegen diese Altlast der Schwerindustrie kämpft Befesa an. In Drehrohröfen wird der Staub nach dem Wälzverfahren zu Wälzoxid verarbeitet, einem zinkreichen Vorprodukt, das als Ersatz für neu aus dem Boden geförderte Erze verwendet werden kann. Ein zweites Standbein des Luxemburger Unternehmens ist das Recyceln von Salzschlacken und Reststoffen aus der Aluminiumindustrie. Die Firma ging 1987 als Ausgliederung der Metallgesellschaft unter dem Namen Berzelius Umwelt Service (B.U.S) an den Start. Wichtige operative Hauptstützpunkte der Luxemburger befinden sich in Ratingen bei Düsseldorf und in Bilbao.

    Die Zahlen des im SDAX notierten Unternehmens zeugen von Stabilität. Im ersten Quartal 2026 lag das bereinigte EBITDA bei 57,9 Mio. EUR, ein Plus von 4 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Nettogewinn stieg um 11 % auf 20,7 Mio. EUR, der Verschuldungsgrad sank das achte Quartal in Folge auf das 2,25-Fache des operativen Ergebnisses. Den größten Risikofaktor, die schwankenden Notierungen für Zink, hat das Management durch Preisabsicherungen entschärft. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die jüngste Kursentwicklung. Von gut 36 EUR Mitte Mai fiel die Aktie bis Ende Juni auf rund 30 EUR – und das, obwohl die Rohstoffpreise stark sind: Aluminium notiert trotz einer zuletzt scharfen Korrektur mit 3.180 USD/t um etwa ein Viertel höher als vor zwölf Monaten, der Zinkpreis hat erst vor wenigen Tagen ein Dreijahreshoch bei über 3.600 USD/t erreicht. Ein Teil des Rückgangs ist durch den Dividendenabschlag erklärbar, denn am 17. Juni wurde die von 0,64 auf 1,00 EUR erhöhte Ausschüttung vom Kurs abgezogen. Der Rest der Korrektur dürfte der Aussicht auf steigende Zinkschmelzlöhne – die Gebühr, die Zinkhütten beim Ankauf des Wälzoxids einbehalten – in den USA und höhere Energiekosten in Europa geschuldet sein, die der Iran-Konflikt zusätzlich befeuert hat. Hinzu kommt die recht konservative Prognose des Managements, das fürs Gesamtjahr ein EBITDA von 250 bis 270 Mio. EUR erwartet. Börsianer hatten offenbar mit mehr gerechnet.

    Das Geschäft ist zyklisch und hängt an der Industriekonjunktur, weshalb sich das Sekundäraluminium-Segment nur zaghaft erholt. Dem steht ein struktureller Rückenwind im Stahlstaubrecycling-Geschäft gegenüber: Der Umstieg der Stahlindustrie auf Elektrolichtbogenöfen und strengere Umweltauflagen in der EU lassen das Aufkommen an verwertbaren Reststoffen wachsen, worauf die Erweiterung des Werks Bernburg in Sachsen-Anhalt und der Aufbau neuer Kapazitäten in den USA bereits zugeschnitten sind. Für Anleger ergibt sich damit ein seltenes Bild: ein profitabler, schuldenarmer Marktführer, dessen Aktie gefallen ist, während Geschäft und Rohstoffpreise stabil sind. Die Kursziele der meisten Analystenhäuser liegen um die Marke von 40 EUR, die Schweizer Großbank UBS hält sogar 46 EUR für erreichbar.

    Drei Umweltprobleme, drei Lösungen, drei Risikoprofile

    So unterschiedlich die drei Unternehmen auch sein mögen, ein Prinzip eint sie: Sie verdienen daran, industrielle Altlasten zu beseitigen – vergessene Bohrlöcher, Ewigkeitschemikalien, Reststoffe der Schwerindustrie. Für Anleger sind es jedoch drei grundverschiedene Investments, die sich entlang ihres Reifegrads ordnen lassen. Am Anfang dieser Skala steht 374Water. Das Unternehmen verfügt über eine technologisch validierte Lösung, befindet sich kommerziell aber noch in der Frühphase: Der Umsatz ist klein, das Geschäft defizitär und auf frisches Kapital angewiesen. Aus dem aktuellen Nasdaq-Kurs von 1,93 USD errechnet sich ein Börsenwert von rund 35 Mio. USD. In Deutschland ist die Aktie nur außerbörslich bei Lang & Schwarz handelbar. Wer hier investiert, setzt auf das Gelingen der Skalierung – mit entsprechend hohem Risiko.

    Einige entscheidende Schritte weiter ist Zefiro. Der Unterschied liegt nicht nur im Erreichen der operativen Gewinnschwelle, sondern auch in der Professionalität des Kapitalmarktauftritts. An der Spitze steht ein Team mit Wall-Street-Hintergrund: Vorstandschefin Catherine Flax kommt wie weitere hochkarätige Zefiro-Managerinnen von der US-Großbank J.P. Morgan. Der eigentliche Werthebel, das Geschäft mit freiwilligen CO2-Zertifikaten, steht zudem erst am Anfang. Auch Zefiro bleibt mit einer Marktkapitalisierung von etwa 60 Mio. CAD ein Kleinstwert mit dem damit verbundenen Risiko dünner Handelsumsätze. In Stuttgart etwa sackte der Kurs am vergangenen Freitag ohne ersichtlichen Grund von über 0,40 EUR auf 0,36 EUR ab, während die Aktie an der Heimatbörse in Toronto keinerlei Schwäche zeigte. Solche unerklärlichen Ausrutscher können von spekulativen Anlegern zum Einstieg genutzt werden. Zwar gibt es wie bei 374Water bislang kaum belastbare Analystenschätzungen, an denen sich eine Bewertung auf Basis eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) festmachen ließe, doch je mehr das Problem der verwaisten Methanschleudern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt und je lauter die Proteste werden, desto stärker dürfte sich das Interesse der Broker und Research-Häuser auf den kleinen Problemlöser richten.

    Genau hier liegt der Kontrast zu Befesa. Der SDAX-Konzern wiegt mit gut 1,2 Mrd. EUR ein Vielfaches der beiden Nordamerikaner und wird von mehreren renommierten Banken begleitet. Die Konsensschätzungen sagen für 2026 ein Ergebnis je Aktie von 2,50 EUR voraus, fürs nächste Jahr 2,65 EUR. Daraus errechnet sich ein moderates KGV zwischen 11 und 12. Die Dividendenrendite liegt bei etwas über 3 % und dürfte vom aktuellen Kurs aus gerechnet in den nächsten Jahren auf über 4 % steigen. Auch in diesem Fall könnte die aktuelle Kursschwäche eine Einstiegsgelegenheit für langfristig orientierte Investoren sein.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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