24.07.2026 | 04:45
Traumzahlen bei Equinor, Nervosität bei Münchener Rück, Aufbruchstimmung bei Zefiro Methane
Kaum ein Treibhausgas heizt die Atmosphäre so schnell auf wie Methan. Deshalb entsteht rund um die Beseitigung von Methanlecks ein neuer, noch junger Markt für Klimazertifikate. Schon in der Frühphase können Anleger mitverdienen. Dafür bieten sich vor allem Aktien von drei Unternehmen an: Der kanadische Sanierungsspezialist Zefiro Methane schafft das Angebot, der deutsche Traditionskonzern Münchener Rück versichert die damit verbundenen Risiken und der norwegische Öl- und Gasförderer Equinor repräsentiert die Käuferseite. Während Equinor von hohen Öl- und Gaspreisen profitiert und mit traumhaften Quartalszahlen aufwartet, macht sich bei der Münchener Rückversicherung Nervosität breit, weil der Vorstand die Jahresprognose noch einmal überprüfen will. Bei Zefiro Methane wiederum herrscht echte Aufbruchstimmung, angetrieben von einem prall gefüllten Orderbuch.
Lesezeit: ca. 5 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
ZEFIRO METHANE CORP | CA98926D1069 | NEO: ZEFI , MUENCH.RUECKVERS.VNA O.N. | DE0008430026 , EQUINOR ASA NK 2_50 | NO0010096985
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Zefiro Methane: Zertifikate aus dem Bohrloch
Methan ist über einen Zeithorizont von 20 Jahren mindestens 80-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid. Genau aus diesem Grund entsteht rund um die Beseitigung von Methanlecks ein eigener Markt. In dessen Zentrum: Zefiro Methane, ein Unternehmen aus Vancouver, das sich auf die Verschließung verlassener Öl- und Gasbohrlöcher im Nachbarland USA spezialisiert hat. Aus solchen Löchern entweicht das Klimakillergas über Jahrzehnte unkontrolliert in die Atmosphäre. Da die ursprünglichen Betreiber oft insolvent oder schlicht nicht mehr auffindbar sind, springen zunehmend Bundesstaaten, Stiftungen und spezialisierte Firmen wie Zefiro mit seiner operativen US-Tochter Plants & Goodwin ein. Erst in der vergangenen Woche vereinbarte das Unternehmen eine Kooperation mit der Well Done Foundation, die in 18 US-Bundesstaaten aktiv ist; ein erster Auftrag umfasst die Sanierung von 10 Bohrlöchern im Naturschutzgebiet Deep Fork National Wildlife Refuge in Oklahoma, mindestens 20 weitere sollen 2027 folgen. Der Bundesstaat Ohio hatte Zefiro zuvor bereits einen Auftrag über 19,6 Mio. USD erteilt. Parallel dazu startet das Unternehmen den Verkauf von CO2-Gutschriften, die nach einer neuen Methodik der American Carbon Registry für verwaiste Bohrlöcher zertifiziert werden.
Die Preise für solche freiwilligen Ausgleichszertifikate schwanken in einer extremen Spanne von 1 bis über 1.000 USD, je nachdem, welches Projekt dahintersteht. Vor allem CO₂-Gutschriften aus Waldschutzaktionen sind zuletzt zunehmend in die Kritik geraten, da sich herausstellte, dass die betroffenen Flächen oft schon Jahre vor der Ausstellung der Zertifikate unter Schutz standen. Der Zusatznutzen ist deshalb fraglich. Zertifikate, die ihren Ursprung im Verschließen von Bohrlöchern haben und nachweislich Methanemissionen verhindern, gelten als deutlich hochwertiger. Damit sie auch professionell vermarktet werden, hat die seit Juni 2025 amtierende Vorstandschefin Catherine Flax Fachleute aus dem CO2-Zertifikatehandel ihres ehemaligen Arbeitgebers JPMorgan zu Zefiro geholt.
Doch selbst ohne den Handel mit Klimazertifikaten wäre die Zefiro-Aktie einen Blick wert. Seit Flax' Amtsantritt sanken die Betriebskosten etwa um die Hälfte, das Unternehmen baute 3 Mio. USD kurzfristige Schulden ab und erzielte mehrere Quartale in Folge ein positives Betriebsergebnis. Für die ersten 9 Monate des im Sommer begonnenen Geschäftsjahres 2026 meldete Zefiro einen Umsatz von über 33 Mio. USD und ein um Sondereffekte bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 4,25 Mio. USD. Dem für dieses Jahr erwarteten Umsatz von 50 Mio. USD steht ein Börsenwert von umgerechnet gerade mal 42 Mio. USD (58 Mio. CAD) gegenüber. Entsprechend groß ist das Potenzial für die Aktie, die in Kanada zu Kursen um 0,60 CAD (in Deutschland 0,41 EUR) gehandelt wird, sobald sich abzeichnet, dass dank der guten Auftragslage und des neuen Geschäftsfeldes Zertifikatehandel auch nach Zinsen, Steuern und Abschreibungen in naher Zukunft schwarze Zahlen stehen werden.
Münchener Rück: Absicherung mit Dividende
Gerade weil Zefiros Zertifikate aus einer brandneuen Methodik stammen, sind sie für institutionelle Käufer nicht ohne Weiteres bankfähig – und genau an dieser Stelle kommt die Münchener Rückversicherung ins Spiel. Der Konzern, der seit 2009 international als Munich Re auftritt, unterhält über seine Sparte Global Markets Syndicate ein eigenes Geschäft mit sogenannten Green Solutions, das unter anderem das Lieferrisiko zwischen dem Start von Klimaschutzprojekten und tatsächlicher Zertifikat-Ausstellung versichert. Eine Branchenanalyse zählt die Münchner neben Swiss Re und dem französischen Rückversicherer SCOR zu den führenden Anbietern in diesem Segment, das 2025 auf ein Volumen von 1,8 Mrd. USD kam und im laufenden Jahr auf mehr als 2 Mrd. USD zulegen soll. Für einen 62 Mrd. EUR schweren DAX-Konzern ist das ein Nischengeschäft, es zeigt aber, dass sich Versicherungen zunehmend auch als Absicherer des Klimazertifikatehandels positionieren.
Das eigentliche Kerngeschäft der Bajuwaren lief zuletzt glänzend, aber es scheint Sand ins Getriebe zu kommen: Im ersten Quartal 2026 stieg der Konzerngewinn um 57 % auf 1,71 Mrd. EUR. Doch bei den Zielen fürs Gesamtjahr muss der Vorstand möglicherweise zurückrudern. In einem Interview erklärte Finanzchef Andrew Buchanan kürzlich: „Im Rahmen der Arbeiten für den Halbjahresabschluss werden wir sehr genau auf das Geschäft in der Pipeline für das dritte und vierte Quartal schauen. Daraus wird sich ergeben, welche Prognose wir dem Markt geben.“ Händler gehen nun davon aus, dass der Konzern die bisherigen Aussagen zur Geschäftsentwicklung hinterfragen könnte.
Die Halbjahreszahlen werden für den 7. August erwartet, dann wird sich weisen, wohin die Reise geht. Die Aktie hat seit Jahresbeginn mehr als 10 % verloren und notiert aktuell bei 504,80 EUR, deutlich unter dem Allzeithoch vom Frühjahr 2025 bei 600 EUR. Für Anleger mit langfristiger Perspektive könnte eine Kursschwäche im Zuge einer leichten Prognosesenkung nach den Halbjahreszahlen eine gute Einstiegsgelegenheit werden. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10 spricht für eine moderate Bewertung, hinzu kommt eine üppige Dividendenrendite von gut 5 %.
Equinor: Öl-Boom treibt Aktie und Gewinn
Während Münchener Rück das Risiko im Zertifikatehandel versichert, steht auf der Käuferseite ein umgerechnet 80 Mrd. EUR schwerer Gigant, der mit dem eigentlichen Auslöser des Problems sein Geld verdient: der norwegische Öl- und Gaskonzern Equinor. Das Unternehmen hat seine Kooperation mit dem dänischen Energieversorger Ørsted um sogenannte Removal-Zertifikate erweitert, die der Atmosphäre aktiv CO₂ entziehen. Der zu zwei Dritteln in Staatsbesitz befindliche Konzern darf mit zugekauften Zertifikaten laut eigener Klimastrategie allerdings höchstens 10 % seines Emissionsreduktionsziels für 2030 abdecken.Mindestens 90 % müssen aus realen physischen Einsparungen bei der Förderung von Erdöl und Gas stammen.
In diesem Geschäft läuft es wegen der aktuell hohen Energiepreise wie geschmiert. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 40 % auf 35,18 Mrd. USD, der Nettogewinn explodierte von 1,31 auf 4,84 Mrd. USD, begünstigt durch eine um 3 % gestiegene Förderung auf rund 2,17 Mio. Barrel Öläquivalent pro Tag. „Die starke Produktion im zweiten Quartal hat es uns erlaubt, von den höheren Preisen zu profitieren, was zu einem starken Cashflow und starken Finanzergebnissen beigetragen hat“, kommentierte Konzernchef Anders Opedal die Zahlen, die deutlich über den Erwartungen der Analysten lagen. Die Aktie hat trotz der zwischenzeitlichen Korrektur der Ölwerte seit Jahresbeginn um 57 % auf 380 NOK (rund 36 EUR) zugelegt. Mit einem KGV von unter 10 und einer Dividendenrendite von aktuell etwa 4,3 % bleibt Equinor wie Munich Re ein klassisches Value-Investment.
Fazit: Drei Unternehmen, ein gemeinsamer Markt
Der noch junge, aber wachsende Markt für Klimazertifikate bietet eine Reihe von neuen Geschäftsideen. Zefiro schafft das Angebot, Münchener Rück versichert das Risiko dieses Angebots, und Equinor kauft einen Teil davon, ohne sein fossiles Kerngeschäft infrage zu stellen. Für Anleger ergeben sich daraus drei völlig unterschiedliche Profile: ein spekulativer Kleinstwert mit großer Zukunftsperspektive, ein etablierter Rückversicherer mit attraktiver Dividendenrendite, und ein Öl- und Gaskonzern, der von hohen Energiepreisen profitiert und nebenbei versucht, die durch ihn verursachten Emissionen zu minimieren. Wer diesen Markt beobachtet, sollte sich bewusst sein, dass er sich noch in einem frühen Stadium befindet, in dem Regulierung, Methodik und Preisbildung weiterhin im Fluss sind. Gerade diese frühe Phase ist es aber, die Zefiro, Munich Re und Equinor auf ganz unterschiedliche Weise zu Nutznießern desselben langfristigen Trends macht.
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