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26.06.2026 | 05:30

Vergöttert, verkauft, vergessen: Wie es mit Coinbase, HelloFresh und American Atomics weitergeht

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Bildquelle: Pixabay

An der Börse gilt heute mehr denn je: Gier frisst Hirn. Wenn ein Trend lange genug läuft, hält ihn der Markt für ein Naturgesetz – und schreibt Wachstumsraten auf eine Zukunft fort, in der sie niemals eingehalten werden können. Coinbase, HelloFresh und American Atomics führen solche Denkfehler in drei sehr unterschiedlichen Spielarten vor: vom gehebelten Krypto-Wettschein über den schrumpfenden Pandemiegewinner bis zum Uran-Explorer, der zu Unrecht am Spotpreis gemessen wird. Heute, von der Euphorie längst verlassen, dümpeln alle drei weitgehend unbeachtet vor sich hin – und genau das führt zu der Kernfrage: Bei welcher dieser Aktien lohnt sich der zweite Blick?

Lesezeit: ca. 8 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: AMERICAN ATOMICS INC | CA0240301089 | CSE: NUKE , Coinbase | US19260Q1076 , HELLOFRESH SE INH O.N. | DE000A161408

Inhaltsverzeichnis:


    Coinbase: Schon am ersten Tag teurer als die Deutsche Börse

    Als Coinbase am 14. April 2021 per Direktlisting an die Technologiebörse Nasdaq ging, kannte die Euphorie keine Grenzen. Der Referenzpreis lag bei 250 USD, doch zur Eröffnung schoss der Kurs auf 381 USD und kletterte zwischenzeitlich bis auf knapp 430 USD. In der Spitze war die Kryptobörse damit mehr als 100 Mrd. USD wert – mehr als das Dreifache der Deutschen Börse, die es zu jener Zeit auf etwa 28 Mrd. EUR brachte. Schon damals fragten Skeptiker, mit welcher Berechtigung ein Börsenneuling mit gerade einmal neun Jahren Firmengeschichte, dessen Bewertung sich ausschließlich aus Wachstumsfantasie speiste, einen über Jahrzehnte gereiften Traditionskonzern mit erprobtem, krisenfestem Geschäftsmodell derart in den Schatten stellen sollte. Eine Antwort blieb der Markt zunächst schuldig – er kannte nur eine Richtung: nach oben.

    Als im Krypto-Winter 2022 das Geschäft wegbrach, stürzte die Aktie auf rund 30 USD ab, ein Minus von über 80 %. Dann jedoch wiederholte sich das Muster. Getragen von der nächsten Rekordjagd von Bitcoin und Co. arbeitete sich Coinbase ab 2023 in mehreren Wellen zurück nach oben und markierte im Juli 2025 bei rund 420 USD ein Hoch, das fast auf dem Niveau des fulminanten Debüts lag. Die Skepsis war vergessen, das Geschäft brummte, die Aktie galt als der bequemste Weg, am Krypto-Boom teilzuhaben. Inzwischen ist die Ernüchterung zurück. Seit dem Sommer 2025 hat das Papier rund 60 % eingebüßt und notiert nur noch bei 147 USD, dicht am Jahrestief. Im ersten Quartal 2026 rutschte der Konzern aus San Francisco sogar in die roten Zahlen: Ein um mehr als 20 % geschrumpfter Kryptomarkt riss die Transaktionserlöse mit nach unten, unterm Strich stand ein Nettoverlust von 394 Mio. USD.

    Trotz des erneuten Kurseinbruchs lässt die Bewertung weiterhin wenig Spielraum für Enttäuschungen. Auf Basis der aktuellen Konsensschätzungen wird Coinbase für das laufende Jahr mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von weit über 200 gehandelt. Für 2027 erwarten Analysten im Schnitt zwar einen Gewinn von 5,08 USD je Aktie, was das KGV auf unter 30 drücken würde. Doch diese Rechnung steht und fällt mit der Erholung des Kryptomarkts. Was, wenn die Bitcoin-Baisse anhält und die Trader das Interesse am Kryptohandel verlieren? Noch immer ist in der aktuellen Bewertung eine Menge Hoffnung eingepreist.

    HelloFresh: Wenn die Ausnahme voreilig zur Regel erklärt wird

    Ähnliche Denkfehler wie bei Coinbase gibt es auch in Deutschland, wenn auch in ganz anderem Gewand. Bei HelloFresh schrieb der Markt die Wachstumsraten der Vergangenheit ungebremst auf die Zukunft fort – nur dass diese Vergangenheit eine historische Ausnahmesituation war. Während der Corona-Pandemie, mit geschlossener Gastronomie und Millionen Menschen im Homeoffice, explodierte die Nachfrage nach den Kochboxen des Berliner Lieferdienstes. Die Aktie schoss bis auf knapp 96 EUR und stieg sogar in den DAX auf – in den Kreis der 40 größten deutschen Konzerne, in dem der Kochboxen-Versender bei nüchterner Betrachtung nie etwas zu suchen hatte. Der Irrtum dahinter: Wer prozentuale Wachstumsraten aus der Frühphase eines Unternehmens einfach fortschreibt, übersieht, dass sich dieselben Zuwächse auf einer deutlich größeren Umsatzbasis schlicht nicht wiederholen lassen. Was als junges Start-up zweistellig wächst, müsste als Milliardenkonzern Märkte erobern, die es gar nicht gibt. Genau diese Rechnung ging bei HelloFresh nicht auf. Als die Pandemie endete, die Restaurants wieder öffneten und die Kundschaft in den Alltag zurückfand, brach die Wachstumsstory in sich zusammen. Heute kostet die Aktie nur noch rund 4 EUR – ein Wertverlust von über 95 % – und ist längst aus dem DAX in den Nebenwerteindex SDAX abgestiegen.

    Aus dem Nachfrageschub ist ein struktureller Schrumpfungsprozess geworden. 2025 ging der Umsatz um 900 Mio. EUR zurück, unterm Strich stand ein Minus von rund 93 Mio. EUR, aus den Verlustmärkten Italien und Spanien zieht sich das Unternehmen zurück. Profitabel ist HelloFresh nur noch, wenn man großzügig um Sondereffekte bereinigt und ein hartes Sparprogramm dagegenrechnet – Wachstum sieht anders aus. Vor allem aber verschärft sich der Wettbewerb von zwei Seiten: Zum einen drängen immer mehr Lieferdienste in den Markt, die fertig zubereitete, warme Mahlzeiten direkt an die Haustür bringen. Zum anderen liefern längst auch Schwergewichte wie Amazon oder Rewe Lebensmittel frei Haus, was die Zutaten in aller Regel deutlich günstiger macht als das HelloFresh-Abo mit fertig portionierten Rezeptboxen. Das Alleinstellungsmerkmal, mit dem die Berliner einst groß wurden, schmilzt wie Eis bei 40 Grad im Schatten. Totgesagt muss das Unternehmen deshalb nicht werden. Es spart konsequent und strafft sein Portfolio. Analysten trauen der Aktie im Schnitt ein Kursziel von rund 12 EUR zu, reichlich Fantasie auf eine Trendwende, gemessen am aktuellen Kurs. Doch diese Hoffnung steht und fällt damit, ob HelloFresh die Nachfrage stabilisieren kann, statt nur den Abstieg zu verlangsamen.

    American Atomics: Der missverstandene Brennstoffspezialist

    Coinbase und HelloFresh kranken an realen, nur falsch in die Zukunft verlängerten Abhängigkeiten. Das dritte Beispiel zeigt den umgekehrten Fall – eine Kopplung, die der Markt einfach unterstellt, obwohl es sie noch gar nicht gibt. Von einer milliardenschweren Kryptobörse über einen ehemaligen DAX-Wert zum Uran-Winzling American Atomics, der an seiner Heimatbörse in Kanada gerade einmal rund 17 Mio. CAD auf die Waage bringt – größer könnte der Kontrast kaum sein. Und doch verbindet alle drei dasselbe Grundmuster: erst himmelhoch bejubelt, dann tief gefallen. Bei American Atomics war der Absturz prozentual nicht ganz so heftig wie bei HelloFresh, aber schmerzhaft genug, um Anleger noch vorläufig auf Distanz zu halten: Im September 2025 lag das Allzeithoch bei 0,98 CAD, heute notiert das Papier mit rund 0,25 CAD (in Frankfurt 0,15 EUR) nur noch bei etwa einem Viertel des damaligen Kurses und läuft seit dem Jahreswechsel in einem Seitwärtstrend.

    Dabei kommt das Unternehmen operativ mit großen Schritten voran. American Atomics verfolgt eine Strategie, die Vorstandschef David Mitchell mit dem Slogan „From Rock to Reactor“ beschreibt: vom Fels zum Reaktor. Im Kern geht es um den Aufbau einer vertikal integrierten Uran-Wertschöpfungskette in den USA, von der Exploration über die Aufbereitung bis hin zu Konversion und Anreicherung. Herzstück sind zwei Projekte im traditionsreichen Colorado Plateau – Blue Streak sowie das Flaggschiff Big Indian im Lisbon Valley, dessen kaum erkundete Ostflanke spiegelbildliche Vorkommen zur historisch ergiebigen Westseite beherbergen soll, wo rund 78 Mio. Pfund Triuranoctoxid (U₃O₈) im Boden lagern. Geplant ist nicht nur der Abbau des radioaktiven Materials, sondern auch eine zentrale Uranmühle, die im Verbund mit dem Partner CVMR das Erz mehrerer regionaler Minen verarbeiten soll.

    Zwei aktuelle Meldungen unterstreichen, dass das Unternehmen mit Sitz in Vancouver auf dem richtigen Weg ist. Am 1. Juni wurde für Blue Streak die erste NI-43-101-konforme Ressourcenschätzung veröffentlicht: 109.700 Pfund Triuranoctoxid in den Kategorien „Measured“ und „Indicated“. Das ist der Hauptbestandteil des „Yellow Cake" genannten Ausgangsmaterials, aus dem der Kernbrennstoff für Kraftwerke hergestellt wird. Obendrauf kommen drei Explorationsziele mit weiterem Aufwärtspotenzial und ein Vanadium-Vorkommen als Sahnehäubchen. Nur zwei Tage später, am 3. Juni, holte American Atomics ein politisches Schwergewicht an die Spitze des neu gegründeten Beirats: Tomas J. Philipson, den ehemaligen kommissarischen Vorsitzenden des Wirtschaftsberaterrats im Weißen Haus, der seinerzeit der US-Arbeitsgruppe für Kernbrennstoffe angehörte. Als offizielles Mitglied im Nuklear-Konsortium des US-Energieministeriums sitzt American Atomics ohnehin bereits direkt an den Schalthebeln der Brennstoffpolitik in Washington.

    Die grobe Fehleinschätzung: Keine Abhängigkeit vom Uranpreis

    Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu Coinbase und HelloFresh. Als der Uran-Spotpreis zuletzt von über 100 auf rund 86 USD je Pfund zurückkam, wurde auch American Atomics abgestraft – ganz so, als sei die Aktie ein gehebelter Optionsschein auf den Rohstoff. Doch diese vermeintliche Abhängigkeit ist eine Illusion. Anders als bei Coinbase, dessen Gewinn mit den Krypto-Kursen steigt und fällt, hat der Uranpreis auf absehbare Zeit keinen Einfluss auf die Geschäfte von American Atomics. Bewegt wird die Aktie in Wahrheit von etwas ganz anderem: von Bohrergebnissen, Genehmigungen, Partnerschaften und politischem Rückenwind – kurz: von der eigenen Nachrichtenlage.

    Eine Korrelation zum Uranpreis könnte sich theoretisch ergeben, wenn Förderung, Aufbereitung und Verkauf einmal laufen – aber selbst dann nur bedingt. Kanadas führender Produzent Cameco etwa verweist darauf, dass der Preis – und damit die eigene Gewinn- und Verlustrechnung – durch langfristige Lieferverträge bestimmt wird, die direkt mit den Abnehmern ausgehandelt werden; der Spotpreis sei kaum mehr als eine Indikation. Sollte die Aktie von American Atomics also eines Tages tatsächlich mit dem Uranpreis korrelieren, wird das Unternehmen aus Vancouver dem heutigen Kursniveau längst entwachsen sein. Die geringe Marktkapitalisierung und das noch ausbaufähige Handelsvolumen könnten weiterhin für kräftige Kursausschläge sorgen – aber eben auch nach oben, wenn die nächsten operativen Fortschritte gelingen. Eine einzige positive Meldung kann genügen, um eine komplette Neubewertung einzuleiten.

    Die Schlussbetrachtung: Strahlende Zukunft oder fallende Messer?

    Drei ausgebombte Aktien, drei Geschichten von Euphorie und Ernüchterung – und am Ende dieselbe Frage: Kaufgelegenheit oder fallendes Messer? Coinbase bleibt ein Wettschein auf den Kryptomarkt. Wer an die nächste Bitcoin-Hausse glaubt, findet hier eine Art Hebelpapier ohne K.o.-Schwelle und Laufzeitbegrenzung, muss aber eine Bewertung schlucken, die keine Enttäuschungen verzeiht. HelloFresh ist die Turnaround-Spekulation darauf, dass der schrumpfende Pandemiegewinner wieder zu einem stabilen Geschäft zurückfindet – mit Kursfantasie, falls die Trendwende gelingt, aber weiterem Abwärtsrisiko, falls nicht. American Atomics schließlich ist der eigentliche Sonderfall in diesem Trio: ein Nebenwert, der zu Unrecht am Uranpreis gemessen wird und dessen Schicksal allein an den eigenen operativen Fortschritten hängt. Hier ist der Hebel am größten, denn bei einer Marktkapitalisierung von nur rund 17 Mio. CAD kann eine einzige gute Nachricht den Kurs kräftig anschieben. Allen drei gemeinsam ist die wichtigste Lehre: Der Hype von gestern ist kein Argument für morgen. Wer jetzt einsteigt, sollte das nicht tun, weil die Namen einmal gefragt waren, sondern weil die Perspektiven für die Zukunft plausibel sind.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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