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27.07.2026 | 04:45

Woche der Wahrheit: Zittern bei Amazon, kühle Köpfe bei Vertiv, strahlende Aussichten bei American Atomics

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Bildquelle: Pixabay

Diese Woche wird abgerechnet. Zwei Tech-Aktien, zwei Termine, eine Frage: Wie teuer darf künstliche Intelligenz sein? Vor allem bei Amazon macht sich im Vorfeld der Quartalszahlen am kommenden Donnerstag Nervosität breit. Nach den Alphabet-Ergebnissen der Vorwoche scheint klar: Wer viel in KI-Infrastruktur und Rechenzentren investiert, wird abgestraft. Was bei Amazon als Milliardenposten in der Ausgabenzeile steht, landet beim Kühlungsspezialisten Vertiv als Auftrag in den Büchern. Entsprechend gelassen fällt dort der Blick auf die Zahlen aus, die für Mittwoch erwartet werden. Im Hintergrund lauert zudem ein dritter Wert, den bislang kaum jemand auf dem Zettel hat: American Atomics. Noch ist der Uran-Explorer aus Kanada an der Börse kaum mehr wert als ein mittelständischer Handwerksbetrieb – und könnte doch zum Zünglein an der Waage für jene Reaktoren werden, mit denen die Technologiekonzerne ihre Rechenzentren versorgen.

Lesezeit: ca. 6 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: AMAZON.COM INC. DL-_01 | US0231351067 , VERTIV HOL.CL A DL-_0001 | US92537N1081 , AMERICAN ATOMICS INC | CA0240301089 | CSE: NUKE

Inhaltsverzeichnis:


    AMAZON: ABGESTRAFT, BEVOR DIE ZAHLEN AUF DEM TISCH LIEGEN

    An der Wall Street gelten neuerdings umgekehrte Vorzeichen. Alphabet präsentierte in der vergangenen Woche Quartalszahlen, die deutlich über den Erwartungen der Analysten lagen. Der Lohn dafür: ein kräftiges Minus am nächsten Handelstag. Denn die Ausgaben für Rechenzentren klettern weiter – auf 195 bis 205 Mrd. USD. Das ist etwa die Hälfte dessen, was der Google-Mutterkonzern 2025 an Umsatz erzielt hat. Künstliche Intelligenz kostet Geld. Und genau das goutieren die Börsianer derzeit nicht.

    Damit ist der Takt für diese Woche vorgegeben. Mit Amazon, Apple, Meta Platforms und Microsoft legen gleich vier billionenschwere Technologiekonzerne ihre Zahlen vor. Besonders bei Amazon lohnt der genaue Blick, wenn Vorstandschef Andy Jassy am Donnerstag, 30. Juli, nach US-Börsenschluss vor die Analysten tritt. Denn die Argumente des Alphabet-Managements gelten auch für den Branchenprimus im Cloud-Geschäft: Die weltweite Knappheit an KI-Chips und Infrastruktur-Bauteilen treibt die Kosten für den Bau von Rechenzentren in die Höhe. Gleichzeitig ist die Nachfrage so hoch, dass sich die Marktposition ohne zusätzliche Investitionen kaum halten lässt.

    Der Konzern aus Seattle ist längst kein reiner Onlinehändler mehr. Das Warengeschäft liefert die Masse beim Umsatz, für den Gewinn ist die Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS) zuständig – also die Vermietung von Rechenleistung und Speicherplatz an Unternehmen weltweit. Genau dort entscheidet sich der Kurs. Und genau dort liegt derzeit das Problem. Denn Rechenleistung will gebaut werden. Serverhallen, Netzanschlüsse, Kühlung, Grundstücke, Chips: Der Investitionsbedarf hat eine Größenordnung erreicht, die selbst hartgesottene Analysten schlucken lässt. Rund 200 Mrd. USD sind für dieses Jahr eingeplant. Inzwischen rechnen Experten damit, dass diese Summe mit dem Quartalsbericht auf mindestens 210 Mrd. USD erhöht wird. Solange Anleger darin einen Wachstumstreiber sahen, war das ein Kaufargument. Seit einigen Monaten hat sich diese Sicht der Dinge ins Gegenteil verkehrt. Die Aktie wurde nach den Alphabet-Zahlen deshalb schon im Vorfeld in Sippenhaft genommen.

    Für das zweite Quartal erwartet der Markt ein Ergebnis je Aktie von 1,80 bis 1,85 USD. Trifft der Konzern diese Marke, sind die eigentlichen Fragen andere: Wie hoch fällt die Investitionsplanung für die kommenden Quartale aus? Und wie stark wächst AWS? Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Wer schon abgestraft wurde, kann von einer soliden Meldung profitieren. „An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil“, pflegte Altmeister André Kostolany (1906–1999) zu sagen. Denkbar ist an diesem Donnerstag also beides – ein zweiter Dämpfer oder ein Befreiungsschlag. Sicher ist nur: Die Zahl, auf die alle starren, steht nicht in der Gewinn-, sondern in der Ausgabenzeile.

    VERTIV: DER KÜHLE GEGENSPIELER DER INTERNET-GRANDEN

    Was für Amazon ein Kostenblock ist, taucht bei Vertiv als Umsatz auf. Der Konzern mit Sitz in Ohio meldet seine Quartalszahlen bereits am 29. Juli, einen Tag vor Amazon. Der Name ist weniger prominent, in der Branche gilt Vertiv jedoch als feste Größe. Hervorgegangen aus der früheren Netzwerksparte von Emerson Electric, seit 2020 in New York notiert, zählt das Unternehmen weltweit rund 30.000 Beschäftigte. Das Geschäftsmodell beruht auf zwei Dingen, ohne die kein Rechenzentrum läuft: Strom und Kühlung. Zur ersten Kategorie gehören Anlagen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung, Schaltanlagen und Verteilsysteme. Sie bringen den Strom sauber und ausfallsicher bis in den einzelnen Serverschrank. Zur zweiten zählen Klimatechnik und – zunehmend wichtiger – Flüssigkeitskühlung. Moderne KI-Chips erzeugen eine Wärmedichte, der mit Ventilatoren nicht mehr beizukommen ist. Gekühlt wird deshalb mit Wasser direkt am Prozessor. Hinzu kommt ein Servicegeschäft, das über Wartungsverträge wiederkehrende Erlöse liefert.

    Damit wird der spiegelbildliche Kursverlauf zu Amazon und Co. erklärbar. Erhöht ein Hyperscaler – so nennt man die Betreiber der großen Rechenzentren – sein Budget, wandert ein Teil dieses Geldes direkt in die Auftragsbücher von Vertiv. Die Meldung, die Alphabet-Aktionäre vergrätzt hat, ist hier eine gute Nachricht. Anleger sollten deshalb weniger auf das erwartete Ergebnis je Aktie von 1,40 bis 1,45 USD achten als vielmehr auf den Auftragsbestand. Er ist der verlässlichste Frühindikator dafür, was die Branche in den nächsten Quartalen tatsächlich verbaut.

    Ein Risiko bleibt: Die Bewertung enthält einiges an Vorschusslorbeeren. Das fällt schon beim Blick auf den Kurszettel auf. Das Amazon-Papier kostet 231 USD, die Vertiv-Aktie 291 USD – bei niedrigerem Quartalsergebnis je Anteilsschein und ungefähr gleichem geschätzten Gewinnwachstum bis 2030. Aussagekräftiger ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis: 45 für das laufende Jahr bei Vertiv, 26 bei Amazon. Ausgerechnet die einst als notorisch teuer geltende Amazon-Aktie wirkt damit fast wie ein Schnäppchen. Gegen fallende Amazon-Kurse mag Vertiv ein wirksames Gegengewicht sein. Doch die Erwartungen sind hoch. Enttäuscht der Auftragseingang auch nur leicht, könnte es ungemütlich werden.

    AMERICAN ATOMICS: WANN WACHT DIE BÖRSE ENDLICH AUF?

    Bleibt die dritte Ebene. Bevor Strom verteilt und gekühlt werden kann, muss er erzeugt werden. Und dabei setzt die Technologiebranche zunehmend auf Kernkraft. Amazon ist hier keine Ausnahme, sondern Vorreiter: Der Konzern beteiligte sich am Reaktorentwickler X-energy und sicherte sich über einen langfristigen Liefervertrag Strom aus dem Kernkraftwerk Susquehanna. Meta, Microsoft und Alphabet haben vergleichbare Verträge unterzeichnet.

    Nur: Reaktoren brauchen Brennstoff. Die USA verbrauchen jährlich rund 32 Mio. Pfund Uran und fördern selbst nur einen verschwindend geringen Bruchteil davon. Genau auf diese Lücke zielt American Atomics. Noch ist die Gesellschaft aus Vancouver ein Zwerg, nicht nur, was den Kurs von 0,18 CAD angeht: Einem Börsenwert von 12 Mio. CAD stehen 100 Mrd. USD bei Vertiv und 2.600 Mrd. USD bei Amazon gegenüber. Allerdings handelt es sich um einen Zwerg, der für die US-Atomindustrie – und damit für die Stromversorgung der KI-Rechenzentren – bald riesige Bedeutung bekommen könnte. Hier hängt die Kursentwicklung nicht wie in der Technologiebranche an einzelnen Quartalsberichten, sondern an operativen Fortschritten. Am 16. Juli reichte das Unternehmen einen technischen Bericht nach dem kanadischen Standard NI 43-101 für das Projekt Lisbon Valley East in Utah ein. Es umfasst 217 Claims, also Schürfrechte, an denen sich American Atomics bis zu 80 % sichern kann.

    Die geologische Idee dahinter hat Charme. Im Lisbon Valley wurden zwischen 1950 und 1990 etwa 80 Mio. Pfund Uran gefördert, allesamt auf der Westseite. Der Erzkörper North Alice endete dort abrupt an einer Verwerfung – nicht, weil das Uran ausging, sondern weil die Erdkruste versetzt wurde. Die erfahrenen Bergbauexperten im Verwaltungsrat vermuten die Fortsetzung des Vorkommens 2.500 bis 2.800 Fuß tiefer, also rund 760 bis 850 m, auf der abgesenkten Ostseite. Gestützt wird diese These durch alte Öl- und Gasbohrungen: In 28 von 51 Löchern entlang eines 20 km langen Streifens wurden auffällige Gammastrahlungswerte gemessen. Parallel dazu entsteht ein Verarbeitungskonzept nach dem Leitmotiv „From Rock to Reactor“ – vom Fels bis zum Reaktor. Gemeinsam mit dem Technologiepartner CVMR ist eine modulare Mühle geplant. Sie soll Erz aus mehreren kleineren Vorkommen der Region bündeln und zu verkaufsfähigem Konzentrat verarbeiten. Politisch ist das Management um CEO David Mitchell bestens vernetzt: American Atomics gehört dem Konsortium des US-Energieministeriums für den nuklearen Brennstoffkreislauf an und sitzt mit am Tisch, wenn in Washington über die Zukunft der Kernkraft entschieden wird.

    Der Handel ist dennoch dünn, die Börse hat das Unternehmen schlicht noch nicht entdeckt. In Frankfurt notiert die Aktie bei 0,09 EUR, was bedeutet, dass sie sogar mit einem Abschlag zum kanadischen Kurs gehandelt wird. Für die vollen 80 % der Schürfrechte sind bis 2030 jährlich mindestens 3,6 Mio. USD aufzubringen. Am anderen Ende der Kette wirkt dieselbe Summe dagegen wie ein Rundungsfehler. 3,6 Mio. USD gibt Amazon in weniger als zehn Minuten aus und könnte auch eine Komplettübernahme aus der Portokasse bezahlen. Ein realistisches Szenario ist das freilich nicht – Bergbau-Explorer dürften kaum auf der Einkaufsliste des Tech-Giganten sein. Aber es zeigt, wie weit die beiden Enden dieser Kette auseinanderliegen. Am oberen Ende zittert die Wall Street vor einer Milliardenrechnung. Am unteren wartet ein Unternehmen darauf, dass die Finanzwelt endlich auf eine Investmentstory aufmerksam wird, die für die Energieversorgung der größten Volkswirtschaft der Erde von entscheidender Bedeutung sein könnte.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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