12.10.2026 | 04:20
Tief bohren, dicht machen, absichern: Wie Daldrup, Zefiro und Münchener Rück mit Klimaschutz Geld verdienen
Erstellt und veröffentlicht im Auftrag von Zefiro Methane.
Was lange als stilles Umweltproblem galt, wächst zu einem Markt, dessen Volumen allein in den Vereinigten Staaten auf bis zu 280 Mrd. USD geschätzt wird: In Deutschland liegen Tausende alter Öl- und Gasbohrlöcher im Boden, in den USA sind es Millionen. Viele davon belasten die Atmosphäre mit dem Klimakillergas Methan. Für den Bohrdienstleister Daldrup & Söhne ist das Verschließen alter Bohrungen ein neues Standbein, das Wachstum kommt aber vor allem aus dem Geothermie-Boom. Der kanadische Spezialist Zefiro Methane setzt dagegen ganz auf die Sanierung verwaister Quellen in den USA und verdient zusätzlich mit CO₂-Gutschriften. Die Münchener Rückversicherung (Munich Re) mischt in beiden Märkten mit.
Lesezeit: ca. 8 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
DALDRUP+SOEHNE AG | DE0007830572 , ZEFIRO METHANE CORP | CA98926D1069 | Cboe: ZEFI , MUENCH.RUECKVERS.VNA O.N. | DE0008430026
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Daldrup & Söhne: Altlasten vor der eigenen Haustür
Mancher Teilnehmer der Herbstkonferenz des Equity Forums in Frankfurt traute seinen Ohren kaum. Andreas Tönies, Vorstandschef des Bohrdienstleisters Daldrup & Söhne, stellte dort das jüngste Geschäftsfeld des Unternehmens vor: das fachgerechte Verschließen alter Bohrlöcher der Öl- und Gasindustrie. Der Fachbegriff lautet Plug and Abandonment, sinngemäß „verstopfen und verlassen“. Wie viele solcher Bohrlöcher es in Deutschland gebe, wollte ein Zuhörer von Tönies wissen. Die Antwort: „Tausende.“
Dass die USA ein Problem mit den Hinterlassenschaften der Ölbarone haben, war schon mehrfach zu lesen. Aus verwaisten Bohrlöchern, sogenannten Orphan Wells, strömt dort unablässig Methan. Auf Sicht von 20 Jahren schadet das Gas dem Klima rund 80-mal so stark wie CO₂. Aber im rohstoffarmen Deutschland? Hierzulande gibt es laut Tönies einen wichtigen Unterschied: Die früheren Betreiber sind namhafte Konzerne wie ExxonMobil, Shell oder die einstige BASF-Tochter Wintershall. Sie bezahlen für die Stilllegung. Im Fracking-Paradies USA sind die Verursacher dagegen oft nicht mehr zu ermitteln oder längst pleite.
Das Kerngeschäft von Daldrup liegt allerdings tiefer. Seit 80 Jahren wird gebohrt, heute vor allem nach Erdwärme in bis zu 6.000 m Tiefe. Hinzu kommen Rohstofferkundung und wissenschaftliche Projekte, Infrastruktur und Umwelt sowie die neu zugeschnittene Sparte Bohrlochsanierung & Stilllegung. Dort laufen seit August etwa Verfüllungen alter Bohrungen in Niedersachsen für den britischen Ölkonzern Harbour Energy, der Wintershall Dea übernommen hat. Den Takt gibt aber die Geothermie vor. Rückenwind kommt vom neuen Geothermiebeschleunigungsgesetz und von einem KfW-Förderkredit, der das Fündigkeitsrisiko absichert. Gemeint ist die Gefahr, dass eine Bohrung auf zu wenig heißes Wasser stößt.
Im ersten Halbjahr steigerte Daldrup die Gesamtleistung um 56 % auf 32,3 Mio. EUR. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) wuchs um 29,3 % auf 3,43 Mio. EUR. Die Marge sank allerdings von 12,8 auf 10,6 %. Gründe sind Investitionen in den Gerätepark, darunter fünf gebrauchte Bohranlagen, sowie Sicherheitsabschläge auf noch offene Schlussrechnungen. Unter dem Strich blieben 0,49 EUR Gewinn je Aktie nach 0,41 EUR im Vorjahr. Der Auftragsbestand von rund 132 Mio. EUR reicht bis weit ins Jahr 2027.
Für 2026 bestätigt der Vorstand das Ziel einer Gesamtleistung von rund 58 Mio. EUR bei einer EBIT-Marge von 11,5 bis 13,5 %. Analysten halten das für sehr konservativ. Holger Steffen von SMC Research rechnet mit 62,5 Mio. EUR Gesamtleistung und hob sein Kursziel von 29 auf 30 EUR an. Ralf Marinoni von der Quirin Privatbank bleibt mit 28,80 EUR leicht darunter. Beide raten zum Kauf. Vom aktuellen Kurs (23,20 EUR) aus lassen die Kursziele 24 bis 29 % Luft nach oben. Neuen Schub könnte ein Großprojekt in Pullach bei München bringen, dessen Bohrstart sich ins vierte Quartal verschoben hat. Ab November folgen zwei Tiefenbohrungen im benachbarten Aschheim für 16 bis 18 Mio. EUR. Bis 2030 hält das Management eine Gesamtleistung von 100 Mio. EUR für erreichbar.
Zefiro Methane: Aufräumen im großen Stil
In den USA gilt die Devise „think big“ – unglücklicherweise auch bei verwaisten Ölquellen. „Tausende“ mag in Frankfurt für Staunen gesorgt haben. Jenseits des Atlantiks sind es eher Tausende mal Tausende. Rund 2,2 Mio. bekannte Bohrlöcher geben dort Methan ab. Und auf dem Weg zu jedem verzeichneten Loch entdeckt Luke Plants weitere, die auf keiner Karte stehen. Sein Familienbetrieb Plants & Goodwin aus Pennsylvania ist der operative Arm des börsennotierten kanadischen Unternehmens Zefiro Methane. Anders als bei Daldrup dreht sich das Geschäft hier fast ausschließlich um das Verschließen der Löcher.
Der Markt ist gigantisch. Plants und Zefiro-Chefin Catherine Flax halten sogar bis zu 3 Mio. verlassene Bohrungen für möglich. Mit dem Infrastrukturgesetz vom November 2021 stellte Washington 4,7 Mrd. USD für die Sanierung bereit. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Die Denkfabrik Carbon Tracker schätzt die Gesamtkosten auf rund 280 Mrd. USD. Zum Vergleich: Zefiro ist einer der größeren Player der Branche und bringt umgerechnet gerade mal 46 Mio. USD auf die Börsenwaage. Gleichzeitig wird das Verschließen teurer. In New Mexico stieg der Preis je Bohrloch von rund 50.000 USD (vor 2021) auf etwa 250.000 USD. Spezialisierte Anbieter sind rar, Engpässe sind Gerät und Fachpersonal. Neben den Aufträgen von öffentlicher Seite und gemeinnützigen Organisationen wie der Well Done Foundation kommen neue Kunden hinzu, etwa Betreiber von Rechenzentren, für die alte Bohrlöcher auf dem Grundstück teure Verzögerungen beim Bau bedeuten können. Wer sich für das Methanproblem und die Geschäftsentwicklung von Zefiro interessiert, sollte sich das aktuelle Interview von IIF-Moderatorin Lyndsay Malchuk mit der Vorstandschefin ansehen. Hier geht’s zum Video:
Im Ende Juni abgelaufenen Geschäftsjahr 2025/26 steigerte Zefiro den Umsatz um 31,1 % auf 42,5 Mio. USD. Das bereinigte operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) drehte von minus 4,0 auf plus 3,8 Mio. USD. Der Nettoverlust schrumpfte um mehr als zwei Drittel auf 3,5 Mio. USD. Für 2026/27 sind „über 50 Mio. USD Umsatz“ angepeilt, die Analysten von GBC Research gehen sogar von 57,9 Mio. USD aus. Auch die Auftragslage stimmt: Ende September kamen ein Notfalleinsatz in Michigan über 500.000 USD und ein erstes Projekt zur Kohlenstoffspeicherung in Indiana über 750.000 USD hinzu. Zudem schloss Plants & Goodwin das zweite Projekt im Cuyahoga-Valley-Nationalpark in Ohio ab. Allein in 47 Nationalparks warten schätzungsweise 1.800 Bohrungen auf ihren Verschluss. Um die wachsende Auftragsflut zu bewältigen, könnten Zukäufe eine Option sein, wie Flax bei einem Investorentreffen in München andeutete. Bereits im Mai hatte Zefiro für 4,3 Mio. USD die Anlagen von Viking Well Service übernommen. Damit kamen fünf zusätzliche Bohrtürme hinzu – und neue Geschäftskontakte zu Auftraggebern in fünf weiteren US-Bundesstaaten.
Vorstandschefin Flax, früher in Führungspositionen bei JPMorgan und BNP Paribas tätig, hat seit ihrem Amtsantritt im Juni 2025 neben organischem und anorganischem Wachstum noch weitere Steine ins Rollen gebracht, um Zefiro zu einem hochprofitablen Branchenschwergewicht umzubauen. Eine zweite Ertragsquelle sind CO₂-Gutschriften. Zertifikate über 92.956 t CO₂-Äquivalent hat das Unternehmen bereits verkauft, unter anderem an den Rohstoffhändler Mercuria. Derzeit überarbeitet das zuständige American Carbon Registry seine Berechnungsmethode. Danach will das Management direkt an große Rechenzentrumsbetreiber wie Alphabet oder Amazon verkaufen, was mehr einbringen dürfte als der Weg über Zwischenhändler. Die GBC-Analysten Cosmin Filker und Matthias Greiffenberger raten zum Kauf. Sie sehen das Kursziel bei 2,12 CAD beziehungsweise 1,50 USD. Das ist mehr als das Dreifache des aktuellen Kurses von rund 0,41 USD (an deutschen Handelsplätzen derzeit 0,35 EUR).
Münchener Rück: Rückendeckung für Geothermie
Auch das DAX-Schwergewicht Münchener Rück hat den Handel mit CO₂-Gutschriften längst für sich entdeckt. Über die Tochter TreeTrust vermittelt der Konzern seit 2022 zertifizierte Aufforstungsprojekte, etwa in Costa Rica. Enger als zu Zefiro ist die Verbindung allerdings zu Daldrup, und zwar über die Geothermie. Gemeinsam mit der KfW und dem Bundeswirtschaftsministerium bietet der Konzern seit Ende 2025 eine Fündigkeitsversicherung an. Bleibt eine Bohrung trocken, springen Versicherung und KfW-Schuldenerlass ein. Erst das macht viele Projekte für Stadtwerke und Banken finanzierbar. Davon profitieren Bohrfirmen wie Daldrup unmittelbar.
Das Kerngeschäft lief zuletzt gut. Im ersten Halbjahr 2026 verdiente die Münchener Rückversicherung – neudeutsch: Munich Re – mit 3,93 Mrd. EUR so viel wie nie zuvor. Allein im zweiten Quartal waren es 2,2 Mrd. EUR, Analysten hatten nur mit 1,8 Mrd. EUR gerechnet. Möglich machten das vor allem ungewöhnlich geringe Belastungen durch Großschäden. Das Gewinnziel von 6,3 Mrd. EUR für das Gesamtjahr steht. Die Umsatzprognose senkte der Vorstand dagegen von 64 auf 62 Mrd. EUR, weil die Preise in der Rückversicherung bröckeln. Bei Vertragserneuerungen im Juli sanken sie um 5,5 %.
Auf Dauer werden die Münchner dieses Spiel jedoch nicht mitspielen. Vorstandschef Christoph Jurecka gibt die Richtung vor: „Auf Geschäft, für das wir keine risikoadäquaten Preise erhalten, verzichten wir bewusst“, sagte er anlässlich der Vorlage der Halbjahreszahlen. Die Börse reagierte dennoch enttäuscht. Am Tag der Veröffentlichung des Halbjahresberichts fiel die Aktie zeitweise um fast 3 % auf 508,40 EUR und zählte zu den schwächsten DAX-Werten. Der Rekordgewinn konnte Anleger nicht über die Sorge um die Preise hinwegtrösten. Ob die Gewinnprognose noch steigt, hängt vom Verlauf der Hurrikansaison bis November ab.
Beim aktuellen Kurs von 523,80 EUR liegt das durchschnittliche Analystenkursziel mit rund 550 EUR nur wenig höher. Die Spanne reicht von 500 EUR bei RBC bis 598 EUR bei Barclays. Ende September senkte Jefferies das Ziel von 600 auf 550 EUR, weil die Preise in der Rückversicherung schneller fallen als erwartet. Für Dividendeninvestoren bleibt die Aktie dennoch attraktiv. Die laut Konsensschätzungen für dieses Jahr erwartete Dividende von 25,71 EUR je Aktie entspricht einer Rendite von 4,9 %. Hinzu kommt ein Aktienrückkaufprogramm von bis zu 2,25 Mrd. EUR.
Methan, Erdwärme, Versicherung: Drei Wege, ein Ziel
Verwaiste Bohrlöcher sind ein stilles Klimaproblem, für Spezialisten aber ein wachsender Markt. Zwei Entwicklungen spielen ihnen dabei in die Karten: Der Sanierungsbedarf übersteigt die bereitgestellten Mittel bei Weitem. Weil Geräte und Fachkräfte knapp sind, steigen außerdem die Preise je Bohrloch. Die Aktie Zefiro Methane bietet die reinste Form, in diesen Markt zu investieren. Das Geschäftsmodell beruht fast vollständig auf dem Verschließen alter Quellen, ergänzt um den Verkauf von CO₂-Gutschriften. Operativ ist die Wende geschafft, das Kursziel von GBC verspricht erhebliches Aufwärtspotenzial.
Daldrup & Söhne ist breiter aufgestellt. Die Stilllegung alter Bohrungen ist hier eine vielversprechende Ergänzung, den Takt gibt jedoch die Geothermie vor. Ein Auftragsbestand bis weit ins Jahr 2027, politischer Rückenwind und eine als konservativ geltende Prognose sprechen für die Aktie, die gesunkene Marge und Verzögerungen wie in Pullach erfordern dagegen Geduld.
Den Geothermie-Boom, von dem Daldrup lebt, sichert die Münchener Rück mit ab. Der Rückversicherer ist der solide Ruhepol des Trios: Fallende Preise im Kerngeschäft dämpfen zwar die Fantasie, doch Rekordgewinne, eine Dividendenrendite von rund 4,9 % und Aktienrückkäufe machen die Aktie für Anleger mit langem Atem interessant. Wer auf das Thema setzen will, hat die Wahl zwischen unterschiedlichen Risikoprofilen, vom soliden Basiswert bis zur chancenreichen Spekulation.
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