05.06.2026 | 05:30
Während die Welt auf Elektro wartet, machen dynaCERT, Innospec und OC Oerlikon den Diesel sauber
Unterschiedliche Technologieansätze, ein gemeinsames Ziel – den Diesel wieder salonfähig zu machen. Drei Unternehmen verfolgen grundverschiedene Wege, um Verbrauch und Abgase zu reduzieren: Der kanadische Cleantech-Pionier dynaCERT setzt auf eine Wasserstoffbox, die direkt am Motor arbeitet, der US-amerikanische Spezialchemiekonzern Innospec entwickelt Additive, um die Effizienz von Kraftstoffen zu optimieren, und der Schweizer Industriekonzern OC Oerlikon kleidet Motorenteile ab Werk mit einer Schicht aus, die dünner ist als ein menschliches Haar, aber hart wie Metall. Das Ergebnis ist in allen drei Fällen dasselbe: mehr Energie aus weniger Kraftstoff, geringere Schadstoffemissionen, längere Motorlaufzeiten.
Lesezeit: ca. 8 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
DYNACERT INC. | CA26780A1084 | TSX: DYA , OTCQB: DYFSF , OC OERLIKON CORP.AG SF 1 | CH0000816824 , INNOSPEC INC. DL-_01 | US45768S1050
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Die drei Wege zu mehr Effizienz
Die Mobilitätswende im Güterverkehr ist ein Marathon, kein Sprint. Während Politiker in Berlin und Brüssel über Verbote für neue Verbrennungsmotoren streiten, rollt die Realität des globalen Warenverkehrs auf Rädern, die von Dieselmotoren angetrieben werden. Weltweit sind nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur rund 300 Mio. schwere Nutzfahrzeuge im Einsatz – Lastkraftwagen, Baumaschinen, Bergbaufahrzeuge und stationäre Generatoren – deren durchschnittliche Nutzungsdauer weit über 20 Jahre beträgt. Selbst wenn ab heute kein einziger neuer Dieselmotor mehr produziert würde, würden diese Fahrzeuge noch bis weit in die 2040er Jahre Kohlendioxid und Feinstaub in die Atmosphäre blasen. Hier liegt ein milliardenschwerer, von vielen Börsianern sträflich vernachlässigter Markt. Wer den CO2-Ausstoß im Transportsektor kurzfristig und kosteneffizient senken will, muss nicht auf neue Fahrzeuge warten. Der Schlüssel liegt darin, die vorhandenen Motoren besser zu machen. Nachrüsten statt ersetzen lautet das Prinzip, und es ist volkswirtschaftlich so einleuchtend wie technologisch anspruchsvoll.
Ansatz 1: Die miniaturisierte Wasserstofffabrik
Die Grundidee von dynaCERT aus Toronto ist so alt wie die Wasserstoffforschung selbst, die technische Umsetzung jedoch hochmodern: Das sogenannte HydraGEN™-System erzeugt mithilfe von Elektrolyse – der elektrochemischen Aufspaltung von Wasser in seine Bestandteile – bedarfsgerecht kleinste Mengen Wasserstoff und Sauerstoff direkt an Bord eines Fahrzeugs. Diese Gase werden dem Luftstrom beigemischt, der in den Dieselmotor gelangt, und verbessern dort die Verbrennung des Kraftstoffs erheblich. Die Verbrennung wird vollständiger, der Rußanteil in den Abgasen sinkt, und pro gefahrenem Kilometer wird spürbar weniger Diesel verbraucht. Der entscheidende strategische Vorzug dieses Ansatzes: Das HydraGEN™-System ist eine externe Nachrüstlösung, die prinzipiell an jeden bestehenden Dieselmotor angebaut werden kann, ohne in die Motorsteuerung einzugreifen oder aufwendige Umbauten vorzunehmen. Für Flottenbetreiber mit Hunderten von Fahrzeugen, die noch viele Jahre im Einsatz bleiben sollen, ist dies ein entscheidender Vorteil gegenüber dem kompletten Fahrzeugtausch. Speziell die Schwerlastversionen HG4C und HG6C für gigantische Motoren mit bis zu 90 Litern Hubraum, wie sie in Minenfahrzeugen oder Kraftwerks-Generatoren stecken, adressieren ein Segment, für das es schlicht keine bezahlbare Elektroalternative gibt.
Das zweite strategische Standbein von dynaCERT ist mindestens ebenso spannend: die Verknüpfung der Technologie mit dem Handel von CO2-Zertifikaten. Die unternehmenseigene Telematikplattform HydraLytica™ erfasst und dokumentiert lückenlos jeden Liter eingesparten Kraftstoff und jede Tonne vermiedenen CO2-Ausstoßes. Diese Daten sind seit der offiziellen Anerkennung der dynaCERT-Methodik durch die anerkannte Kohlenstoffmarkt-Standardorganisation Verra die Grundlage für die Erzeugung handelbarer CO2-Gutschriften. Das Prinzip ist einfach: Flottenbetreiber sparen nicht nur Dieselkosten, sie generieren gleichzeitig auch Gutschriften, die sie am globalen Kohlenstoffmarkt verkaufen können. Diese doppelte Rendite aus Treibstoffeinsparung und Zertifikateerlösen könnte die Amortisationszeit der Anfangsinvestition dramatisch verkürzen und die Kaufentscheidung für viele Unternehmen zum Selbstläufer machen.
Die internationale Expansion nimmt konkrete Formen an. Besonders das im Frühjahr 2026 intensivierte Engagement in Vietnam verdient Aufmerksamkeit: In einem Land mit über 3,5 Mio. zugelassenen schweren Nutzfahrzeugen, hohen Kraftstoffpreisen und ehrgeizigen Klimazielen der Regierung wurden Pilotprojekte in den Logistikzentren von Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi und Haiphong gestartet. Gleichzeitig entstand eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Ho Chi Minh City Vietnam University, um die Technologie unter lokalen Einsatzbedingungen zu validieren – ein kluger Schachzug, der Glaubwürdigkeit vor Ort schafft. Parallel dazu hat dynaCERT strategische Partnerschaften mit Akteuren aus dem vietnamesischen Öl- und Gassektor geknüpft, die als Vertriebskanal fungieren sollen. Mit dem kürzlich vollzogenen Führungswechsel – der bisherige Betriebsleiter Kevin Unrath übernahm die Rolle des Vorstandsvorsitzenden, während Gründer Jim Payne als Aufsichtsratsvorsitzender für Kontinuität sorgt – hat dynaCERT signalisiert, dass es nun weniger ums Entwickeln und mehr ums Verkaufen geht.
Das ist auch notwendig, denn der kommerzielle Durchbruch, auf den die Anleger seit Jahren warten, muss endlich in messbaren Umsätzen sichtbar werden. Bis es so weit ist, gilt dynaCERT als Hochrisikopapier. Die Aktie wird in Toronto derzeit für rund 0,13 CAD (an deutschen Börsenplätzen etwa 0,08 EUR) gehandelt, was einer Marktkapitalisierung von etwa 65 Mio. CAD entspricht – eine bescheidene Bewertung angesichts des adressierten Marktpotenzials. Das Analystenhaus GBC sieht das Kursziel bei 0,93 CAD, was einem Aufwärtspotenzial von über 600 % entspräche. Doch der Weg dahin ist mit erheblichen Hürden gepflastert: Noch verbrennt das Unternehmen deutlich mehr Geld, als es einnimmt. Weitere Verwässerungsmaßnahmen durch neue Kapitalerhöhungen sind daher wahrscheinlich. Wer hier einsteigt, setzt auf einen Turnaround – und der kann schneller kommen als erwartet, wenn die Vietnam-Strategie und das Verra-Modell gemeinsam zünden.
Ansatz 2: Mehr Power im Tank
Während dynaCERT sichtbare Hardware am Motor befestigt, verfolgt Innospec einen Ansatz, der sich dem bloßen Auge entzieht. Der Hebel wird hier direkt bei der chemischen Zusammensetzung des Kraftstoffs angesetzt. Das Unternehmen aus Colorado bietet hochentwickelte Additive für Diesel, Benzin, Kerosin und Schiffskraftstoffe an. Die chemischen Zusätze reinigen die Einspritzdüsen, optimieren die Verbrennung direkt im Zylinder und verhindern schädliche Ablagerungen. Motoren erreichen dadurch eine nachweisbare Effizienzsteigerung, verbrauchen weniger Kraftstoff und stoßen geringere Mengen an CO2 und Rußpartikeln aus. Zudem weisen sie geringere Ausfallzeiten auf. Wie dynaCERT profitiert Innospec von weltweit verschärften Abgasnormen und dem Druck zur Dekarbonisierung, der Flottenbetreiber und Raffinerien zwingt, die hocheffizienten Additive beizumischen. Statt austauschbare Massenchemikalien (Commodities) anzubieten, besetzt der 1938 gegründete Konzern heute margenstarke Technologiesegmente. Die Monetarisierung erfolgt nicht nur über Produktverkäufe, langfristige Lieferverträge und technische Dienstleistungen, sondern auch durch die direkte Zusammenarbeit vor Ort: Wissenschaftler des Unternehmens arbeiten oft direkt bei den Kunden, um chemische Probleme zu lösen. Das schafft eine tiefe Integration in die Lieferkette und sorgt für hohe Wechselbarrieren.
Das Geschäftsmodell ist strukturell besonders interessant, weil es über das Segment Fuel Specialties hinausreicht, das rund 38 % Umsatzanteil ausmacht. Weitere 34 % entfallen auf den Geschäftsbereich Performance Chemicals, der das Thema Nachhaltigkeit für moderne Konsumgüter vorantreibt. Innospec ist führend bei der Entwicklung von sulfatfreien und bio-basierten Inhaltsstoffen, die von Verbrauchern verstärkt nachgefragt werden, insbesondere Spezialingredienzien, milde Tenside und Formulierungskomponenten für Kosmetika, für Reinigungsmittel sowie für die Agrochemie und Bauindustrie. Hinzu kommt die Sparte Oilfield Services mit etwa 28 % Umsatzanteil. Dieses Segment beliefert Öl- und Gaskonzerne mit Spezialchemikalien für Bohrungen, für Erdölförderung und Schiefergasextraktion. Wie bei den Motoren reduzieren die Zusatzstoffe auch hier die Reibung, verhindern Korrosion in Bohrleitungen und optimieren den Fluss in Pipelines.
Als profitabler und krisenerprobter Nischenmarktführer ist Innospec so etwas wie ein solider Gegenpol zu spekulativeren reinen Wasserstoff- oder Cleantech-Werten, verspricht allerdings auch weniger Wachstumsdynamik, was sich nicht zuletzt in einem charttechnischen Seitwärtstrend ausdrückt. Die Bilanz ist mit einer Nettocash-Position von fast 290 Mio. USD kerngesund und erlaubt regelmäßige Aktienrückkäufe. Der Börsenwert von etwa 2 Mrd. USD liegt nur leicht über dem 2025 erzielten Jahresumsatz von 1,78 Mrd. USD. Bei einer aktuellen Notiz von etwa 80,00 USD (an deutschen Handelsplätzen 68,50 EUR) liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) fürs laufende Jahr bei knapp 17, was für amerikanische Verhältnisse moderat erscheint.
Ansatz 3: Die molekulare Panzerung
Am anderen Ende des Risikospektrums steht ein Unternehmen, das in der Schweizer Tradition des präzisen, geduldigen Qualitätshandwerks verwurzelt ist: OC Oerlikon mit Sitz in Pfäffikon im Kanton Schwyz. Was Oerlikon tut, ist mit bloßem Auge ebenfalls unsichtbar, aber für die Funktion moderner Hochleistungsmotoren unverzichtbar geworden. Die Kernkompetenz liegt in der sogenannten PVD-Dünnfilmbeschichtung. PVD steht für „Physical Vapor Deposition" (Physikalische Gasphasenabscheidung): ein Verfahren, bei dem Materialien wie Titan oder Kohlenstoff in einem Hochvakuum verdampft und dann atomlagenweise auf Metalloberflächen abgeschieden werden. Das Ergebnis sind Schichten, die oft dünner als ein tausendstel Millimeter sind und dennoch Eigenschaften besitzen, die das Grundmaterial weit übertreffen. Unter dem Markennamen BALINIT – und insbesondere in der Produktfamilie der sogenannten DLC-Beschichtungen, kurz für „Diamond-Like Carbon", also diamantähnlicher Kohlenstoff – hat die Tochter Oerlikon Balzers eine Technologie zur Marktreife gebracht, die buchstäblich in fast jedem modernen Auto steckt: Diese Schichten reduzieren Reibungsverluste erheblich und sind daher ideal für den Einsatz in Motorenkomponenten wie Einspritzsystemen, Ventiltrieben und Kolben. Mit anderen Worten: Wo immer Metall auf Metall trifft und Energie durch Reibung verloren geht, kann Oerlikon mit einer atomar präzisen Beschichtung dafür sorgen, dass dieser Verlust auf ein physikalisches Minimum sinkt.
Die Vorteile dieser Beschichtungen sind vielfältig: stark verbesserte Verschleißfestigkeit und Belastbarkeit der Komponenten, während reduzierte Reibungsverluste die Leistung erhöhen. Oerlikon betreibt weltweit über hundert Beschichtungszentren und arbeitet direkt mit den Produktionslinien der größten Automobil- und Nutzfahrzeughersteller zusammen. Das ist kein Nischengeschäft, das auf seinen Durchbruch wartet – es ist ein etablierter Standard, der längst in der Serienproduktion verankert ist. Doch das Unternehmen ist mehr als nur Beschichtungsfirma und Automobilzulieferer. Oerlikon-Produkte kommen unter anderem auch in der Luft- und Raumfahrtindustrie zum Einsatz.
Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren durch gezielte Verkäufe von Randsparten zu einem fokussierteren Industriekonzern entwickelt. Durch die kürzlich abgeschlossene Trennung vom Polymer- und Textilmaschinengeschäft konnte die Eigenkapitalquote von 25 % auf 41 % verbessert werden, zudem wurde im März eine Sonderdividende von 0,65 CHF ausgeschüttet – ein deutliches Signal, dass die Bilanz des in seiner Geschichte mehrfach angeschlagenen Konzerns zunehmend gesundet. Mit einem Jahresumsatz von rund 1,6 Mrd. CHF und einer Marktkapitalisierung von 1,1 Mrd. CHF spielt Oerlikon etwa in der gleichen Liga wie Innospec. Die Aktie wird derzeit zu rund 3,75 CHF gehandelt (in Deutschland aktuell 4,07 EUR) und ist mit einem KGV von 16 vernünftig bewertet. Auch nach der Sonderausschüttung bleibt das Papier mit einer erwarteten Dividendenrendite von mehr als 5 % vor allem für wertorientierte Investoren interessant.
Drei Aktien – drei verschiedene Versprechen
Die Energiewende im Güterverkehr wird nicht in einem einzigen, großen Schritt vollzogen, sondern in tausend kleinen – in jedem Motor, in jeder Spritzdüse, in jeder Kolbenoberfläche, die effizienter gemacht wird. dynaCERT, Innospec und OC Oerlikon sind drei sehr unterschiedliche Wetten auf diesen stillen, aber mächtigen Trend. Für spekulative Investoren ist dynaCERT eine der faszinierendsten Turnaround-Storys im Cleantech-Bereich, allerdings mit immensem Risiko. Für Anleger mit mittlerer Risikoneigung dürfte Innospec eine interessante Alternative sein. Für konservative Naturen, die auf hohe Dividenden Wert legen, ist OC Oerlikon der sicherste Ankerplatz. Alle drei Unternehmen verbindet eine Überzeugung: Das Beste aus dem vorhandenen Motor herauszuholen ist kein technologischer Rückschritt, sondern unter den obwaltenden Umständen der klügste Weg zu einer saubereren Welt.
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