21.07.2026 | 04:40
GameStop, dynaCERT, Infineon: Drei Wege vom Pennystock zum Überflieger
Der ehemalige Pleitekandidat GameStop will eBay übernehmen, Infineon zählt nach einem Nahtoderlebnis während der Finanzkrise 2009 heute zu den Schwergewichten im DAX. Die Kursvervielfachungen beider Aktien liefern die Vorlage für einen dritten, deutlich kleineren Fall: dynaCERT. Die Kanadier verbessern mit einem Nachrüstsystem Verbrauch und Abgaswerte bestehender Dieselmotoren. Die Analysten von GBC Research bescheinigen der Aktie ein Kurspotenzial von über 500 %. Ob das realistisch ist und wie es bei GameStop und Infineon weitergeht, zeigt der Blick auf die Fakten.
Lesezeit: ca. 7 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
GAMESTOP CORP. A | US36467W1099 , DYNACERT INC. | CA26780A1084 | TSX: DYA , OTCQB: DYFSF , INFINEON TECH.AG NA O.N. | DE0006231004
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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GameStop – vom Pleitekandidaten zum eBay-Käufer?
Diese nahezu unglaubliche Geschichte hält die Wall Street seit Wochen in Atem: GameStop, eine vermeintlich sterbende Ladenkette für Videospiele, will eBay übernehmen – für 56 Mrd. USD, je zur Hälfte in bar und in eigenen Aktien. Der eBay-Verwaltungsrat lehnt ab: Das Angebot sei „weder glaubwürdig noch attraktiv“. Aber GameStop-Chef Ryan Cohen lässt nicht locker. Laut der jüngsten Pflichtmitteilung hält der Videospielehändler mittlerweile 43,4 Mio. eBay-Aktien und damit 9,8 % der Anteile. Ob daraus am Ende ein echter Deal wird oder sich das mit knapp 10 Mrd. USD bewertete Unternehmen mit dem Versuch übernimmt, das mehr als viermal so große Online-Auktionshaus zu schlucken, ist offen. Fest steht: Dass eine ehemalige Krisenklitsche wie GameStop überhaupt in einer Liga mitspielt, in der man darüber nachdenken kann, sich einen der größten Onlinehändler der Welt einzuverleiben, wäre vor sechs Jahren undenkbar gewesen.
Splitbereinigt notierte die GameStop-Aktie Ende 2019 in der Region um 0,60 USD – Krisenniveau. Das Geschäftsmodell mit stationären Läden geriet durch den Boom digitaler Spiele-Downloads ins Wanken, die Pandemie verschärfte die Lage zusätzlich. Hedgefonds witterten das nahende Ende und bauten massive Shortpositionen auf. Zeitweise waren rund 140 % der frei handelbaren Aktien leerverkauft – mehr, als es überhaupt gab. Im Januar 2021 kam es dann zum Short Squeeze, der GameStop zur Börsenlegende machte. Nutzer des Reddit-Forums „wallstreetbets“ organisierten sich und kauften massenhaft Aktien und Calls, um die Hedgefonds gezielt in die Enge zu treiben. Melvin Capital, einer der größten Leerverkäufer, verlor innerhalb eines Monats rund 6,8 Mrd. USD – 53 % seines Kapitals – und musste von anderen Fonds gestützt werden. Die GameStop-Aktie explodierte bis Januar 2021 auf 120 USD. In der medialen Aufarbeitung – etwa in der Netflix-Doku „Eat the Rich: The GameStop Saga“ – wurde die Aktion immer wieder als Racheakt einer Generation gedeutet, die in der Finanzkrise 2008/09 miterlebt hatte, wie ihre Eltern Häuser und Ersparnisse verloren, während die Banken gerettet wurden und ungestraft weitermachten. Als popkulturelle Erzählung hat sich das Bild vom kleinen Anleger, der es den Hedgefonds zeigt, fest etabliert.
Unter Führung des Großinvestors Ryan Cohen nutzte GameStop die Gunst der hohen Kurse und führte eine Reihe von Kapitalerhöhungen durch. Die größte spülte im Mai 2024 rund 933 Mio. USD in die Kasse. Seither hat sich die Firma zu einer Art Holding mit prallen Cash- und Kryptoreserven entwickelt. Die eBay-Offerte ist der bislang deutlichste Beleg dafür, wie sehr sich das Selbstbild gewandelt hat. Ob das strategisches Kalkül oder schlicht Größenwahn ist, muss sich noch zeigen. Immerhin ist das Unternehmen wieder profitabel. Dank aggressiver Kostensenkungen, darunter weltweite Filialschließungen, und einer erfolgreichen Neuausrichtung auf Fanartikel und Sammelobjekte schreiben die Texaner solide Gewinne. Im ersten Quartal erwirtschaftete GameStop ein Nettoergebnis von fast 390 Mio. USD.
dynaCERT – der stille Kandidat für die nächste Kursrally
Geht es nach den Analysten von GBC Research, braucht es für die nächste Aktien-Sensation keinen Sturm auf Reddit und keinen Short Squeeze, sondern nur die Erkenntnis, dass der Dieselmotor noch lange nicht ausgedient hat. Das Augsburger Analysehaus veröffentlichte im März 2025 eine Kaufempfehlung für dynaCERT mit einem Kursziel von 0,75 CAD (umgerechnet rund 0,47 EUR). Bei einem aktuellen Kurs von etwa 0,12 CAD (an deutschen Handelsplätzen 0,07 EUR) entspricht das GBC-Kursziel einem Potenzial von über 500 %. Niemand spricht bei dynaCERT von Übernahmen ungleich größerer Konzerne oder Milliardendeals. Im Mittelpunkt des Geschäftsmodells steht ein Diesel-Nachrüstsystem, das Verbrauch und Abgaswerte senkt. Kevin Unrath, seit April 2026 CEO des Unternehmens aus Toronto, wiederholt vor allem ein Wort: Kommerzialisierung. Es geht darum, aus den vielen erfolgreichen Pilotprojekten Serienaufträge zu machen, aus Serienaufträgen wiederkehrende Umsätze und aus wiederkehrenden Umsätzen echte Gewinne. Sollte GBC mit seinem Kursziel recht behalten, entstünde eine GameStop-ähnliche Kursbewegung nicht aus Größenwahn oder Gruppendynamik im Internet, sondern – so zumindest die These – aus dem schlichten Umstand, dass ein unterbewertetes Unternehmen genau das liefert, was es verspricht.
Trotz aller Bemühungen von Lkw-Herstellern hinsichtlich Elektrifizierung und Wasserstoffantrieb wäre es blauäugig zu glauben, dass der Verbrennungsmotor von heute auf morgen verschwindet – folglich muss man ihn besser machen. Das patentierte System HydraGEN™ erzeugt an Bord aus destilliertem Wasser Wasserstoff und Sauerstoff und speist beides in den Ansaugtrakt von Dieselmotoren ein. Das Ergebnis: eine vollständigere Verbrennung, die laut Unternehmensangaben den Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen um bis zu 10 % senkt, den Ausstoß von Rußpartikeln um bis zu 55,3 % und den von Stickoxiden sogar um bis zu 88,7 %. Der Clou: Bestehende Lkw, Baumaschinen oder Generatoren müssen nicht ersetzt, sondern nur nachgerüstet werden. Über die Telematikplattform HydraLytica™ werden die eingesparten Emissionen dokumentiert – nach einer von der Klimaschutzorganisation Verra zertifizierten Methodik. Der Zugang zum Handel mit CO2-Zertifikaten ist damit vorbereitet, bleibt nach eigener Aussage des Unternehmens aber vorerst ein Projekt für die Zukunft. Das laufende Geschäft der Kanadier speist sich heute allein aus dem Verkauf der HydraGEN™-Geräte.
Bewegung kommt vor allem aus Asien. Nach erfolgreich abgeschlossenen Pilotprojekten erhielt dynaCERT den ersten kommerziellen Serienauftrag eines vietnamesischen Logistikunternehmens; parallel wurden HydraGEN™-Systeme bei einem der größten Hafenbetreiber des Landes auf Lkw und Containerfahrzeugen installiert. Vietnam hat allein mehr als 3,5 Mio. Nutzfahrzeuge, in ganz Südostasien sind es über 10 Mio. mittelschwere und schwere Diesel-Fahrzeuge. Schon eine Marktdurchdringung von 1 % entspräche rund 100.000 verbauten Systemen. Zusätzliches Standbein für Europa: Nach rund 26 Monaten Prüfverfahren beim deutschen Kraftfahrt-Bundesamt – unter Beteiligung von TÜV Nord, TÜV Süd und der ehemaligen Continental-Tochter Emitec – liegt inzwischen die ABE-Zulassung vor, die eine zentrale Vertriebshürde hierzulande beseitigt. Ob aus dem rechnerischen 500 %-Potenzial tatsächlich eine Kursbewegung wird, hängt somit an nüchternen Fakten, nicht an der Stimmung in einem Internetforum.
Infineon – der Klassiker unter den Comeback-Aktien
Kaum ein Konzern eignet sich so gut als Blaupause für Kursvervielfachungen von ehemaligen Pennystocks wie Infineon. In Zeiten der Finanzkrise stand der heutige DAX-Riese tatsächlich am Abgrund. Auslöser war die eigene, 2006 abgespaltene Speicherchip-Tochter Qimonda, die im Januar 2009 Insolvenz anmelden musste – trotz einer 325-Mio.-EUR-Finanzspritze der Bundesregierung und eines danach beantragten weiteren Rettungspakets über 300 Mio. EUR. Die Pleite riss Infineon mit nach unten: Der Vorstand wollte die Aktionäre im Februar 2009 um eine Kapitalerhöhung von bis zu 450 Mio. EUR bitten, doch der Kurs war da bereits unter die dafür nötige Schwelle von 1 EUR gerutscht. Ende März 2009 notierte die Aktie bei nur noch 0,35 EUR – Infineon galt als einer der prominentesten Pleitekandidaten der Finanzkrise. Die Rettung gelang im Sommer 2009 über eine Kapitalmaßnahme, bei der der US-Finanzinvestor Apollo einstieg. Bereits im September 2009 kehrte die Aktie in den DAX zurück.
Heute steht der Konzern glänzend da – und ist zugleich ein Beispiel dafür, dass auch ein gelungenes Comeback nicht vor neuer Unsicherheit schützt. Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres 2025/2026 erzielte Infineon bei 7,31 Mrd. EUR Umsatz ein Nettoergebnis von 557 Mio. EUR und einen Free Cashflow von 288 Mio. EUR. Für das Gesamtjahr wird weiteres Umsatzwachstum sowie ein bereinigter Free Cashflow von rund 1,65 Mrd. EUR erwartet – getragen vor allem vom KI-Geschäft rund um Stromversorgung für Rechenzentren. Die Zahlen zum dritten Quartal folgen am 5. August. Dann wird sich weisen, wohin die Reise geht. Der Kurs war von Anfang April bis Anfang Juni von unter 40 EUR auf fast 90 EUR gestiegen, ehe die laufende Korrektur der Halbleiteraktien für einen Rücksetzer auf aktuell 64,10 EUR sorgte.
Seit dem Beginn der Halbleiter-Rally steht jedoch immer noch ein Plus von rund 60 % zu Buche. Die Kursziele der Analysten liegen ungewöhnlich weit auseinander: Die UBS sieht den fairen Wert wegen Risiken hinsichtlich des KI-Marktanteils und in China nur bei 61 EUR, während Deutsche Bank (90 EUR), Jefferies (96 EUR) und Bank of America (108 EUR) deutliches Aufwärtspotenzial sehen. Der Vergleich zu 2009 zeigt: Aus dem einstigen Pleitekandidaten ist ein Unternehmen geworden, bei dem nicht mehr die nackte Existenz, sondern nur noch das genaue Ausmaß des Erfolgs zur Debatte steht.
Drei unterschiedliche Spielarten desselben Musters
GameStop beweist, wie explosiv ein Comeback ausfallen kann, wenn Wut im Netz auf einen extremen Short-Squeeze trifft – und wie schnell der Triumph über die Hedgefonds zum Griff nach den Sternen verleitet, dessen Erfolg aber alles andere als sicher ist. Die Kursziele der meisten Analysten liegen folgerichtig unter der aktuellen Notiz von knapp 22 USD. Infineon zeigt das andere Ende des Spektrums: ein Pleitekandidat, der die Kurve tatsächlich vollständig gekriegt hat. Auch wenn die Kursziele der Analysten meilenweit auseinanderliegen, traut das Gros der Experten dem Wert einiges zu. Wer hier einsteigt, kauft keine Wiederauferstehung mehr, sondern setzt auf die Fortsetzung eines bereits vor langer Zeit erfolgreich abgeschlossenen Turnarounds. Dagegen ist dynaCERT noch ein Kleinstunternehmen mit entsprechend dünner Umsatzbasis, steht aber an der Schwelle zu kommerziellen Erfolgen. Die Kapitalmaßnahmen der Kanadier muten im Vergleich zu den beiden anderen Werten des Trios bescheiden an: Zur Finanzierung der Vietnam-Aktivitäten wurde Ende Juni eine Privatplatzierung von mit 6 % verzinsten Wandelanleihen im Volumen von 5 Mio. CAD erfolgreich abgeschlossen. GBC Research rechnet für das laufende Jahr mit einem Gewinn von 0,01 CAD je Aktie – beim aktuellen Kurs ein KGV von rund 12, was im Vergleich zu GameStop (31) oder Infineon (36) ein Schnäppchenpreis wäre. Die haben ihre Kursexplosion allerdings schon hinter sich.
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