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27.10.2026 | 05:25

Die Börse schläft, doch Analysten trommeln: LVMH, dynaCERT und Mercedes-Benz mit bis zu 650 % Luft nach oben

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Bildquelle: Pixabay

Analysten raten zum Kauf, doch die Kurse kommen nicht vom Fleck. LVMH, dynaCERT und Mercedes-Benz stecken trotz üppiger Kursziele im Tief fest. Beim französischen Luxuskonzern greift sogar der Chef persönlich zu, beim Stuttgarter Autobauer locken 7,5 % Dividendenrendite. Den größten Abstand zwischen Kurs und Ziel weist dynaCERT auf. Der Aktie des kanadischen Spezialisten für sparsamere Dieselmotoren bescheinigen Analysten 650 % Luft nach oben. Was das Trio bremst und wann wieder in Schwung in die Kurse kommen könnte, lesen Sie hier.

Lesezeit: ca. 7 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: dynaCERT Inc | CA26780A1084 , FR0000121014 , MERCEDES-BENZ GROUP AG | DE0007100000

Inhaltsverzeichnis:


    LVMH: Vom Wachstumswert zum Value-Investment

    Im April 2023 schrieb LVMH Börsengeschichte. Als erstes europäisches Unternehmen überhaupt war der Luxusgüterkonzern mehr als 500 Mrd. USD wert. Am Firmensitz in der Pariser Prachtstraße Avenue Montaigne – eine der wichtigsten Adressen für Haute Couture und Luxusmode – dürften die Champagnerkorken geknallt haben. Geblieben ist davon wenig. Aktuell bringt das Reich von Louis Vuitton, Moët & Chandon, Hennessy, Dior und Tiffany noch 188,4 Mrd. EUR auf die Börsenwaage. Seit dem Rekordhoch hat die Aktie fast 58 % verloren. Hauptgrund ist China. Dort hält sich die einst kauffreudige Mittelschicht zurück. 

    Das trifft ausgerechnet die ertragsstärkste Sparte, wie die kürzlich veröffentlichten Zahlen zum dritten Quartal zeigen. Der Umsatz lag bei 18,5 Mrd. EUR. Organisch, also ohne Währungseffekte, Zu- und Verkäufe, entspricht das einem Plus von nur 1 %. Mode und Lederwaren büßten 5 % ein. Deutlich besser liefen Schmuck und Uhren mit plus 6 % sowie Wein und Spirituosen mit ebenfalls 6 %. Am stärksten wuchs der Einzelhandel rund um die Parfümeriekette Sephora mit 8 %. Regional überzeugten die USA, Europa und Japan. Parallel räumt das Management im Portfolio auf: Die Modemarke Marc Jacobs wurde verkauft, ebenso der größte Teil der Duty-free-Kette DFS.

    Einer lässt sich von der Flaute nicht beirren: Bernard Arnault. Bei der Vorlage der 2025er-Jahreszahlen Ende Januar kündigte der Konzernchef an, dass seine Familie in absehbarer Zeit mehr als die Hälfte des Kapitals besitzen werde. Damals strahlte er verhaltenen Optimismus fürs operative Geschäft aus. „Im Jahr 2026 wird in einem weiterhin unsicheren Umfeld die Fähigkeit unserer Häuser, Träume zu wecken, erneut ein entscheidender Vorteil sein – verbunden mit höchster Wachsamkeit beim Kostenmanagement,“ sagte der reichste Mann Europas sinngemäß. Seinen Worten ließ er Taten folgen. Allein zwischen dem 28. Januar und dem 4. Februar kauften die Familie rund 757.000 Aktien für etwa 407 Mio. EUR. Am 19. Februar war die Schwelle überschritten: Seitdem hält der Arnault-Clan etwas mehr als 50 % des Kapitals und knapp 66 % der Stimmrechte. Der rechnerische Durchschnittspreis der Februar-Käufe lag bei rund 538 EUR, gut 40 % über dem heutigen Kurs. Die von Arnault erhoffte Trendwende lässt auf sich warten, der Kurs schwächelt weiter. 

    Denn die große Wachstumsfantasie ist vorerst verflogen. Dafür ist die Bewertung moderat geworden. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16 auf Basis der Gewinnschätzungen für 2027 ist die Aktie im historischen Vergleich günstig. Die für dieses Jahr erwartete Dividendenrendite von 3,3 % kann sich sehen lassen. Für die kommenden Jahre erwarten Analysten wieder steigende Gewinne. Im Schnitt sehen sie das Kursziel bei 498 EUR, fast 30 % über dem aktuellen Kurs von 387,75 EUR. Die Spanne reicht von 415 EUR bei Jefferies bis 590 EUR bei der Deutschen Bank und Barclays. Der einstige Wachstumswert ist auf dem besten Weg zum Value-Investment, eine Anlage in ein solides, im Verhältnis zu Marktstellung und Preissetzungsmacht moderat bewertetes Unternehmen.

    dynaCERT: Gute Nachrichten haben die Aktie noch nicht wachgeküsst

    Auch die jüngsten Erfolgsmeldungen von dynaCERT kommen aus Frankreich. Statt um Handtaschen und Champagner geht es dabei um Dieselmotoren. Die HydraGEN™-Technologie des kanadischen Unternehmens ist eine Nachrüstlösung, ein neuer Motor oder neues Gerät sind nicht nötig, entsprechend gering fällt die Investition aus. Das System von der Größe eines Reisekoffers erzeugt während des laufenden Betriebs Wasserstoff und Sauerstoff und führt beides der Ansaugluft zu. Der Effekt: Der Kraftstoff verbrennt vollständiger, der Verbrauch sinkt und mit ihm der Ausstoß von Schadstoffen und CO₂. Ein Zusatztank an Bord ist dafür ebenso überflüssig wie ein Wasserstofftankstellennetz.

    Einsparungen von bis zu 10 % sind möglich, je nach Einheit, Motorgröße und Einsatzzweck. Das klingt zunächst bescheiden, ist es aber keineswegs: Motorenhersteller investieren Millionen, um den Verbrauch um 1 bis 2 % zu senken. In Zeiten hoher Spritpreise spart schon das bei riesigen Lkw-Flotten Millionen. Je nach Nutzung können sich die Kosten für die Nachrüstung des HydraGEN™-Systems in weniger als 2 Jahren amortisieren. Die Elektrolyse macht dabei nur etwa ein Drittel des Systems aus. Ebenso wichtig ist das Know-how über die Thermodynamik im Motor und die jeweilige Anwendung. Ergänzt wird die Hardware durch die Telematikplattform HydraLytica™, die Verbrauch und Emissionen erfasst. Weil die Organisation Verra die Methodik zertifiziert hat, könnten künftig zusätzliche Erlöse aus dem Verkauf von CO₂-Zertifikaten an das in Toronto ansässige Unternehmen fließen. Anlässlich des International Investment Forums (IIF) am 7. Oktober gab Vorstandschef Kevin Unrath einen umfassenden Überblick über die Strategie des Unternehmens. Hier geht's zum Video:

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    Fast zeitgleich mit der Präsentation auf dem IIF meldete dynaCERT einen Folgeauftrag eines Bestandskunden aus Frankreich, eingefädelt vom Vertriebspartner IPMD. Kurz zuvor hatte ein mit HydraGEN™ ausgerüsteter Renn-Lkw der Rallye Dakar beim Branchentreff „24 Heures Camions“ in Le Mans für Aufsehen gesorgt. Vorstandschef Unrath nennt die Nachbestellung „ein ermutigendes Zeichen für das anhaltende Kundeninteresse nach der erstmaligen Einführung“. In Vietnam kam im Juni nach erfolgreicher Testphase der erste Serienauftrag eines Logistikunternehmens herein. Zudem laufen dort Pilotprojekte bei einem der weltweit größten Hafenbetreiber, in der Entsorgungsbranche und in der Öl- und Gasindustrie. Parallel hat das Management eine internationale Vertriebsoffensive für Schwerlastverkehr, Häfen und stationäre Stromerzeugung gestartet. Nach den Branchenmessen IAA Transportation in Hannover und der TOC Americas in Kolumbien stehen noch die Breakbulk Asia in Singapur im November und die Powergen International im Januar auf dem Programm. Um den Sprung vom forschenden Start-up zum Serienfertiger – idealerweise auch im Erstausrüstergeschäft – zu vollziehen, ist es vor allem wichtig, den Bekanntheitsgrad des Unternehmens zu steigern. Aus diesem Grund ist dynaCERT auf allen wichtigen Branchenveranstaltungen präsent.

    Unrath, der im Frühjahr den Chefposten übernommen hat, gab die Richtung früh vor: „Das ist kein Neustart, das ist eine Beschleunigung.“ Finanziell ist die Vermarktungsphase abgesichert. Im Juni flossen dynaCERT über Wandelanleihen 5 Mio. CAD zu, bei 6 % Zinsen und zwei Jahren Laufzeit. Eine ältere Wandelanleihe über 1 Mio. CAD soll bis Oktober 2027 verlängert werden. An der Börse hält sich das Echo bislang in Grenzen. Die Aktie notiert bei 0,10 CAD, an deutschen Handelsplätzen zwischen 0,06 und 0,07 EUR. Der Börsenwert liegt damit bei rund 50 Mio. CAD – einem winzigen Bruchteil dessen, was LVMH trotz des Kursrutschs noch auf die Waage stemmt. Das Augsburger Analystenhaus GBC Research rät zum Kauf und sieht das Kursziel bei 0,75 CAD bzw. 0,48 EUR. Das entspräche mehr als einer Versiebenfachung. Ob es soweit kommt? Entscheidend wird sein, wann aus Pilotprojekten größere Flottenaufträge werden. Die jüngsten Meldungen deuten darauf hin, dass sich die Wartezeit dem Ende zuneigt.

    Mercedes-Benz: Strom als Hoffnungsträger für den Stern

    Während dynaCERT den Verbrennungsmotor sparsamer macht, könnte der mögliche Schwung bei Mercedes-Benz vor allem durch den Elektroantrieb kommen. Im dritten Quartal verkaufte der Konzern 78.100 vollelektrische Pkw und Transporter, 52 % mehr als ein Jahr zuvor. In Europa legten die Elektro-Pkw sogar um 78 % zu, die neuen Modelle gelten hier sogar bis zum Jahresende als ausverkauft. „Mercedes-Benz Cars hat den höchsten Quartalsabsatz vollelektrischer Fahrzeuge in der Unternehmensgeschichte erzielt“, unterstreicht Vertriebsvorstand Mathias Geisen. Die Kehrseite: In China brach der Absatz um 31 % auf 86.800 Fahrzeuge ein. Insgesamt sanken die Verkäufe um 6 % auf 491.700 Einheiten.

    Am morgigen Mittwoch legt Mercedes vor Handelsbeginn die Zahlen zum dritten Quartal vor. Die Erwartungen sind niedrig. Analysten rechnen mit einem bereinigten operativen Ergebnis (EBIT) von 1,58 Mrd. EUR, rund 25 % weniger als im Vorjahr. Besonders kritisch ist die Rendite im Pkw-Geschäft. Für das Gesamtjahr peilt der Vorstand 3 bis 5 % an, für das dritte Quartal hat er bereits einen Wert unterhalb dieser Spanne angedeutet. Die UBS hält eine Senkung des Ziels auf 2 bis 4 % für möglich. Laut Medienberichten will Vorstandschef Ola Källenius die Arbeitskosten in Deutschland um 800 Mio. EUR drücken.

    Die Bewertung spiegelt die Sorgen wider. Bei einem aktuellen Kurs von 41,60 EUR beträgt das KGV auf Basis der Schätzungen für 2027 gerade einmal 6,5. Die Dividendenrendite liegt bei 7,4 %, dazu kauft der Konzern eigene Aktien zurück. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten von 57 EUR liegt fast 40 % über dem aktuellen Niveau. Die Spanne reicht von 44 EUR bei RBC bis 70 EUR bei der Deutschen Bank und JPMorgan. Ob der Stern noch tiefer sinkt oder Mercedes das Schlimmste hinter sich hat, wird sich morgen zeigen.

    Fazit: Viel Luft nach oben, wenig Bewegung

    LVMH, dynaCERT und Mercedes-Benz haben eines gemeinsam: Die Analysten trauen den Aktien deutlich mehr zu, als der Markt derzeit einpreist. Die Gründe für die Zurückhaltung sind jedoch verschieden. LVMH ist ein Qualitätswert, dem die Wachstumsfantasie abhandengekommen ist. Für Anleger mit Geduld bietet der Luxuskonzern starke Marken, eine ordentliche Dividende und rund 30 % Kurspotenzial. Mercedes-Benz ist noch günstiger bewertet und lockt mit hoher Ausschüttung, kämpft aber mit China und schwachen Margen. Die morgigen Zahlen dürften die Richtung vorgeben. Das größte Potenzial bietet dynaCERT. Die Technologie überzeugt erste Kunden in Europa und Asien, der Kurs hat darauf noch nicht reagiert. Sobald der Sprung von Pilotprojekten zu größeren Aufträgen gemeldet wird, dürfte sich das ändern.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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