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01.04.2026 | 04:20

Vom Turnaround bis zum Technologiebaukasten: SGL Carbon, IBU-tec und NEO Battery Materials auf dem Prüfstand

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Bildquelle: KI

Anoden und Kathoden, Graphit, Silizium und Eisenphosphat: Wer an der Börse von Megatrends wie Elektromobilität oder vom boomenden Drohnen- und Verteidigungssektor profitieren will, findet in spezialisierten Materialzulieferern eine spannende Alternative zu Batterieherstellern und Automobilkonzernen. Drei Unternehmen aus diesem Segment stehen im Fokus unseres Vergleichs: das kanadisch-südkoreanische Start-up NEO Battery Materials, der ostdeutsche Spezialchemiker IBU-tec und der etablierte Werkstoffkonzern SGL Carbon. Alle drei adressieren auf sehr unterschiedliche Weise das Rückgrat moderner Energiespeicher.

Lesezeit: ca. 6 Min. | Autor: Mario Hose
ISIN: NEO BATTERY MATERIALS LTD | CA62908A1003 | TSXV: NBM , OTC: NBMFF , SGL CARBON SE O.N. | DE0007235301 , IBU-TEC ADV.MATER. INH.ON | DE000A0XYHT5

Inhaltsverzeichnis:


    Restrukturierungskandidat mit neuem Zukunftsplan

    Als einer der wenigen bedeutenden Hersteller von synthetischem Graphit-Anodenmaterial in der westlichen Welt ist SGL Carbon ein unverzichtbarer Baustein der Lieferkette heutiger Lithium-Ionen-Batterien. Zu den Kunden zählen namhafte Automobilhersteller und Zellproduzenten. Doch das Geschäftsjahr 2025 verlief für den Konzern mit Sitz in Wiesbaden alles andere als glänzend: Der Umsatz sank um 17,2 % auf 850 Mio. EUR. Hauptgründe waren die anhaltende Nachfrageschwäche in der Halbleiterindustrie und der Rückzug aus defizitären Carbonfaser-Aktivitäten, inklusive Werksschließungen in Portugal und den USA.

    Beim bereinigten operativen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) hielt sich SGL Carbon mit 135 Mio. EUR und einer stabilen Marge von 15,9 % im Rahmen der eigenen Prognose. Auch der Free Cashflow blieb mit 37 Mio. EUR positiv, während die Nettoverschuldung auf knapp 99 Mio. EUR sank. Dennoch hatte der Markt offenbar mehr erwartet: Der Aktienkurs gab seit Mitte Februar um rund ein Drittel auf zuletzt 3,20 EUR nach. Der Grund für die Enttäuschung liegt vor allem im Ausblick: Für 2026 rechnet SGL Carbon mit einem weiteren Umsatzrückgang auf 720 bis 770 Mio. EUR, weil der volle Effekt der eingestellten Carbonfaser-Aktivitäten erst dann sichtbar wird.

    Zurück zur Umsatzmilliarde

    Um neue Perspektiven zu schaffen, stellte das Management um Konzernchef Andreas Klein im März die Wachstumsstrategie „SGL Growth 2030“ vor. Drei Felder sollen das Kerngeschäft ergänzen: Spezialgraphite für kleine modulare Kernreaktoren (SMR), Kompositmaterialien für die Verteidigungs- und Drohnenindustrie sowie Komponenten für Luft- und Raumfahrt. Das Ziel ist ambitioniert und zugleich typisch für einen echten Turnaround-Fall: Bis 2030 soll SGL Carbon wieder die Marke von 1 Mrd. Euro Umsatz erreichen.
    Damit bleibt das Unternehmen ein klassischer Restrukturierungskandidat. Die Bilanz ist mit einer Eigenkapitalquote von 39 % solide, der Free Cashflow positiv, und auf Basis eines Kurs-Umsatz-Verhältnisses von rund 0,6 wirkt die Aktie günstig. Doch die Schwäche in den Kernmärkten Halbleiter und Automotive ist noch nicht überwunden. Der Reiz liegt für geduldige Value-Investoren vor allem darin, dass aus dem Übergang von einer alten in eine neue Industriewelt wieder Wachstumsdynamik entstehen könnte.

    Europäischer Batteriematerialien-Champion im Aufbruch

    Während SGL Carbon bereits mit dem neuen Wachstumsprogramm Fakten geschaffen hat, fiebert IBU-tec advanced materials dem 15. April entgegen. Für diesen Tag hat das Management um CEO Jörg Leinenbach ein großes Presseaufgebot bestellt. Neben einer Kapitalmarktpräsentation steht auch die Besichtigung der LFP-Produktionsanlage am Standort Bitterfeld-Wolfen auf dem Programm. LFP steht für Lithium-Eisenphosphat – ein Kathodenmaterial, in dem IBU-tec die Zukunft einer Batteriewertschöpfungskette „made in Germany“ sieht. Die Technologie gilt als besonders sicher und langlebig und wird vor allem in stationären Energiespeichern und kleineren Elektrofahrzeugen eingesetzt. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Weimar ist ein über 100 Jahre alter Spezialchemiekonzern, der sich konsequent zum europäischen Schlüssellieferanten für Batteriematerialien weiterentwickelt hat. Das Kerngeschäft liegt in der thermischen Verfahrenstechnik, also in der Veredelung anorganischer Pulver und Granulate in Drehrohröfen und Pulsationsreaktoren.

    Den entscheidenden Katalysator lieferte im Oktober 2025 eine strategische Vereinbarung mit PowerCo, der Batterietochter des Volkswagen-Konzerns. Im Zentrum stehen ein langfristiger Liefervertrag und ein Joint Development Agreement, das IBU-tec bereits 2026 Meilensteinzahlungen im oberen einstelligen Millionen-Euro-Bereich sichern soll – noch bevor die neue Anlage in Bitterfeld im Vollbetrieb läuft. Ab 2027 soll die Produktion deutlich hochgefahren werden, bis 2028 ist eine Vollauslastung mit mehr als 15.000 Tonnen LFP-Kathodenmaterial pro Jahr geplant.

    Batteriegeschäft liefert Antrieb für Wachstum

    Entsprechend sportlich fällt die Mittelfristplanung aus, die das Unternehmen am 16. März veröffentlicht hat: Bis 2030 erwartet IBU-tec Erlöse von mindestens 120 bis 140 Mio. EUR, fast eine Verdreifachung gegenüber 2025, bei einer EBITDA-Marge von 13 bis 15 %. Der Wachstumsmotor ist fast ausschließlich das Batteriegeschäft, das allein 85 bis 90 Mio. EUR Umsatz beisteuern soll. Schon 2025 legte das Batteriesegment um 80 % auf 17,7 Mio. EUR zu und war der wesentliche Profitabilitätstreiber: Die EBITDA-Marge sprang von 2 auf 10,5 %.

    Was die Aktie für Anleger interessant macht, ist die Kombination aus Wachstum und Planbarkeit. Das Umsatzziel für 2030 basiert bereits auf bestehenden Verträgen; mögliche zusätzliche Großkunden sind darin noch nicht einmal enthalten. Der Kurs legte innerhalb eines Jahres um mehr als 150 % zu, musste zuletzt aber im Zuge der allgemeinen Marktkorrektur deutlich Federn lassen. Für risikobewusste Wachstumsinvestoren mit mittlerem Zeithorizont ist IBU-tec eine der spannendsten deutschen Small-Cap-Storys — allerdings mit dem nicht zu unterschätzenden Klumpenrisiko durch PowerCo und VW.

    NEO Battery Materials – Der Spezialfall mit Hebelwirkung

    Noch mehr Zukunftsfantasie, aber auch mehr Risiko, bietet NEO Battery Materials. Das kanadische Unternehmen mit Produktionsbasis in Südkorea hat sich auf siliziumbasierte Anodenmaterialien für Lithium-Ionen-Batterien spezialisiert. Der Ansatz ist einfach, aber technisch anspruchsvoll: Herkömmliche Batterien nutzen Graphit als Anodenmaterial – siehe SGL Carbon. Silizium kann theoretisch ein Vielfaches an Lithium speichern, scheiterte bisher jedoch an der starken Ausdehnung des Materials beim Laden. Das patentierte NBMSiDE®-Verfahren von NEO löst dieses Problem durch eine kosteneffiziente Nanobeschichtung auf Basis von metallurgischem Silizium und soll sich nahtlos in bestehende Produktionslinien integrieren lassen.

    Dass das Unternehmen den Sprung vom Forschungslabor zur industriellen Anwendung schafft, zeigen die jüngsten Meilensteine. Im März 2026 unterzeichnete das Management um CEO Spencer Huh ein Memorandum of Understanding mit AROKA, einer assoziierten Organisation der südkoreanischen Armee, zur gemeinsamen Entwicklung von Hochleistungsbatterien für Drohnen und Robotersysteme. Zuvor hatte das Unternehmen bereits den Lieferantenstatus bei einem Fortune-500-Automobilhersteller erlangt — ohne Zwischenhändler. In Live-Feldtests verdoppelte eine mit NEO-Technologie ausgestattete Überwachungsdrohne ihre Flugzeit von knapp 30 auf fast 60 Minuten, sogar bei Minustemperaturen. In der Branche wurde das als kleine Sensation gefeiert.

    Potenzieller Wettbewerbsvorteil

    Für westliche Abnehmer ist ein weiterer Punkt besonders attraktiv: NEO operiert mit einer vollständig China-freien Lieferkette. In Zeiten geopolitischer Spannungen und neuer Beschaffungsvorschriften, vor allem in den USA, kann das zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden. Die neue 1,3 Hektar große Erweiterungsanlage in Südkorea soll bis Ende 2026 in Betrieb gehen und dann eine jährliche Kapazität von bis zu 500 MWh ermöglichen.
    Im Unterschied zu den deutschen Wettbewerbern erzielt NEO Battery Materials allerdings noch keine nennenswerten Umsätze. Das Unternehmen schreibt Verluste und braucht Kapital für die Skalierung. Genau darin liegt aber auch der Reiz: Sollte sich siliziumbasierte Anodentechnologie als neuer Standard in der Batterieproduktion durchsetzen, könnte der Hebel enorm sein. Die Aktie hielt sich trotz der jüngsten Börsenturbulenzen vergleichsweise stabil. Der aktuelle Kurs von nur 0,60 CAD (0,38 EUR) lässt Spielraum nach oben.

    Fazit: Substanz, Sichtbarkeit, Spekulation

    Alle drei Unternehmen spielen eine Rolle im Ökosystem der modernen Energiespeicherung – aber mit gänzlich unterschiedlichen Ansätzen und Risikoprofilen. SGL Carbon ist einer der weltweit führenden Vertreter der „alten Batteriewelt“ und als einziger westlicher Anbieter von synthetischem Graphit-Anodenmaterial strukturell unverzichtbar. Mit einer Marktkapitalisierung von knapp 400 Mio. EUR spielt das Unternehmen in einer ganz anderen Liga als die beiden Herausforderer, die lediglich 74 Mio. (IBU-tec) bzw. 62 Mio. EUR (NEO) auf die Börsenwaage stemmen. Wer auf den Turnaround und die neuen Wachstumsfelder (SMR, Verteidigung, Raumfahrt) setzt, findet in SGL Carbon eine günstig bewertete Substanzaktie. IBU-tec bietet ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis im Mittelfeld: konkretes Wachstum, vertragliche Planungssicherheit durch den PowerCo-Deal und ein klares Ziel bis 2030. NEO Battery Materials ist der hochspekulative Hebel auf einen möglichen Paradigmenwechsel hin zu Silizium-Anoden: kaum Umsatz, aber bahnbrechende Technologie, militärische Kooperationen und geopolitische Relevanz durch die China-freie Lieferkette. Wer bereit ist, das Risiko eines Start-ups zu tragen, kann im Erfolgsfall überproportional profitieren.


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    Der Autor

    Mario Hose

    In Hannover geboren und aufgewachsen, verfolgt der Niedersachse die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung rund um den Globus. Als leidenschaftlicher Unternehmer und Kolumnist erklärt und vergleicht er die verschiedensten Geschäftsmodelle sowie Märkte für interessierte Börsianer.

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