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31.08.2026 | 04:04

Rüstungsboom trifft Stahl-Revolution – Zeitenwende bei Salzgitter, Strategic Resources und SSAB

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Bildquelle: Pixabay

Europa rüstet auf. Dafür braucht der Kontinent vor allem Stahl. Panzer, Fregatten und U-Boote verschlingen Materialmengen, die bestehende Werke an ihre Grenzen bringen. Gleichzeitig vollzieht sich eine leisere, aber ebenso folgenreiche Umwälzung: die Umstellung der Stahlproduktion auf klimafreundlichere Verfahren. Wer die Rohstoffketten dahinter kontrolliert, sitzt am Hebel einer Story, die der Markt noch nicht eingepreist hat. Hier hält Strategic Resources, ein noch weitgehend unentdeckter Nebenwert, alle Fäden in der Hand. Die Kanadier liefern genau das, was deutsche Branchenschwergewichte wie Salzgitter händeringend suchen. Der schwedische Panzerstahl-Monopolist SSAB hat seine Fühler bereits ausgestreckt.

Lesezeit: ca. 8 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: SALZGITTER AG O.N. | DE0006202005 , STRATEGIC RESOURCES INC | CA86277X4093 | TSXV: SR , SSAB AB -B- FRIA | SE0000120669

Inhaltsverzeichnis:


    SALZGITTER: DER HUNGER NACH SAUBEREN EISENERZ-PELLETS

    Mit dem Programm SALCOS (Salzgitter Low CO₂ Steelmaking) treibt der MDAX-Konzern Salzgitter die Umstellung vom Hochofen auf eine klimaverträgliche Stahlproduktion konsequent voran. Herzstück der ersten Ausbaustufe ist eine DRI-Anlage (das Akronym steht für Direktreduktion) auf dem Werksgelände in Salzgitter mit einer Kapazität von gut 2 Mio. t direktreduziertem Eisen pro Jahr. Der Produktionsstart ist für das erste Halbjahr 2027 geplant. Das Gesamtinvestitionsvolumen der ersten Stufe liegt bei 2,7 Mrd. EUR, wovon rund 1 Mrd. EUR aus öffentlicher Förderung stammt. Bei der Direktreduktion wird Eisenerz mithilfe von Wasserstoff statt Kohle zu Eisenschwamm verarbeitet, wodurch praktisch kein CO₂, sondern lediglich Wasser entsteht. Damit die Anlage ausgelastet werden kann, braucht Salzgitter vor allem eines: hochwertige, kohlenstoffarme Eisenerzpellets. Der Konzern hat deshalb bereits eine Absichtserklärung mit dem Schweizer Bergbaukonzern Ferrexpo über die Lieferung solcher Pellets unterzeichnet und kooperiert bei der Granulattechnologie zusätzlich mit Binding Solutions. Beide Schritte zeigen, wie aktiv Salzgitter derzeit nach zuverlässigen, klimafreundlichen Pellet-Lieferanten sucht – ein Bedarf, der über die kommenden Jahre eher zu- als abnehmen dürfte.

    Operativ war 2025 für Salzgitter kein einfaches Jahr: Der Umsatz sank um 5 % auf rund 7,9 Mrd. EUR, das operative Ergebnis fiel auf 376 Mio. EUR (Vorjahr: 445 Mio. EUR), unterm Strich stand vor Steuern ein kleiner Verlust von 28 Mio. EUR. Die Dividende war zwischenzeitlich ausgesetzt. Für 2026 zeichnet sich jedoch eine deutliche Wende ab: Das Management hat die Jahresprognose bereits zweimal angehoben. Getragen wird diese Verbesserung zum einen vom konzerneigenen Effizienzprogramm, das bis Mitte des Jahres bereits 97 Mio. EUR der für 2026 angepeilten Einsparungen von 122 Mio. EUR realisiert hatte. Zum anderen spielen auch Sondereffekte eine Rolle: die Vollkonsolidierung der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) sowie ein überraschend hoher Ergebnisbeitrag des Kupferproduzenten Aurubis, an dem Salzgitter mit knapp 30 % beteiligt ist.

    Am Kapitalmarkt hat die Stimmung entsprechend gedreht: Während der durchschnittliche Analystenkonsens mit einem Kursziel von 58,80 EUR nahe am aktuellen Niveau von 57,40 EUR liegt, fallen die jüngeren, nach den Halbjahreszahlen aktualisierten Einschätzungen deutlich optimistischer aus. Die Deutsche Bank sieht den fairen Wert bei 63 EUR, JPMorgan Chase bei 64 EUR und Jefferies sogar bei 66 EUR. Nur UBS bleibt mit einem Kursziel von 56 EUR zurückhaltender. Zusätzlichen Rückenwind erhofft sich Salzgitter von den neuen EU-Handelsschutzmaßnahmen gegen globale Stahl-Überkapazitäten, die seit dem 1. Juli in Kraft sind. Ein weiteres, noch kleines, aber wachsendes Standbein ist Panzerstahl: Salzgitter hat eine „Task Force Defence“ gegründet und tritt damit als dritter Anbieter neben SSAB und der Dillinger Hütte auf einen Markt, der laut Vorstandschef Gunnar Groebler angesichts der NATO-Aufrüstungsziele nicht von einem einzigen Hersteller bedient werden kann. Bislang macht dieses Geschäft weniger als 1 % des Konzernumsatzes aus – das Potenzial gilt aber als beträchtlich.

    STRATEGIC RESOURCES: VANADIUM UND TITAN, DAMIT EISEN NICHT BRICHT

    Salzgitters Bedarf an kohlenstoffarmen Eisenerzpellets wirft die Frage auf, wer dieses Material liefern kann. Ein möglicher Kandidat ist Strategic Resources, ein kanadisches Rohstoffunternehmen, dessen Aktienkurs von 0,23 CAD (in Frankfurt 0,13 EUR) darauf hindeutet, dass die Börse den Wert noch nicht entdeckt hat. 2019 sicherte sich das aus Montréal stammende Unternehmen mehrere Projektoptionen in Finnland. Ab 2020 stieg der bekannte kanadische Rohstoffinvestor Ross Beaty über seine Lumina-Gruppe ein und wollte das Unternehmen zu einem Vehikel für den Aufbau einer westlichen Vanadium-Produktion formen. Kernstück sollte das Mustavaara-Projekt in Nordfinnland werden, eine zwischen 1976 und 1985 von Rautaruukki Oy betriebene Vanadium-Eisen-Titan-Lagerstätte, die seinerzeit rund 10 % der weltweiten Produktion stellte. Sowohl Vanadium als auch Titan werden hochwertigem Stahl beigemischt, um Festigkeit sowie Hitze- und Kältebeständigkeit zu erhöhen.

    Die entscheidende strukturelle Weichenstellung folgte im Dezember 2022: Im Rahmen einer sogenannten Reverse-Takeover-Transaktion – dabei übernimmt formal die kleinere, bereits börsennotierte Gesellschaft eine größere, um dieser Zugang zum Kapitalmarkt zu verschaffen – fusionierte Strategic Resources mit BlackRock Metals. Damit kam dessen Projekt in Québec ins Portfolio: ein vollständig genehmigtes Vanadium-Titan-Eisenerz-Vorkommen mit einem nach Steuern ermittelten Kapitalwert von rund 1,9 Mrd. CAD und einer geplanten Minenlaufzeit von 39 Jahren – bei Erweiterungspotenzial auf über 100 Jahre. Dem steht aktuell ein Börsenwert von gerade mal 13 Mio. CAD gegenüber.

    Phase 1 des BlackRock-Projekts sieht den Bau einer Pelletieranlage mit 4 Mio. t Jahreskapazität am Tiefwasserhafen Port Saguenay in Québec vor, die zugekauftes Eisenerzkonzentrat zu sogenannten DR-Grade-Pellets verarbeitet. Das sind exakt jene hochwertigen Pellets, die speziell für die Direktreduktion geeignet sind – genau das Material, nach dem auch Salzgitter für seine SALCOS-Anlage sucht. Die dafür nötige Kapazitätserweiterung von 1 auf 4 Mio. t befindet sich in der finalen Genehmigungsprüfung, für die Mine selbst und die Hüttenanlage haben die Behörden bereits grünes Licht gegeben. Mit Javelin Global Commodities steht zudem ein internationaler Rohstoffhändler als Abnahme- und Vermarktungspartner bereit, der zusätzlich eine Betriebsmittelfinanzierung von bis zu 150 Mio. USD in Aussicht gestellt hat. Im Interview mit IIF-Moderatorin Lyndsay Malchuk erklärt Strategic-Resources-Vorstandschef Sean Cleary die Pläne zum Aufbau der Verarbeitungsanlage in Québec. Hier geht´s zum Video:

    https://youtu.be/ha8A2-FPIwk

    Nicht nur Ross Beaty – Gründer von Pan American Silver und heute Chairman des ebenfalls milliardenschweren Konzerns Equinox Gold – ist vom Erfolg von Strategic Resources überzeugt. Auch der renommierte Rohstofffonds Orion Mine Finance und Investissement Québec, der staatliche Investitionsarm der kanadischen Provinz, sind maßgeblich investiert; beide halten jeweils rund 41 % der Unternehmensanteile. Québecs Provinzregierung engagiert sich darüber hinaus operativ: Sie finanziert eine 110 Mio. CAD teure Bandförderanlage im Hafen sowie weitere Versorgungsinfrastruktur im Wert von 170 Mio. CAD.

    Der jüngste Beleg, dass auch das finnische Standbein in Zukunft eine zentrale Rolle bei der Produktion von grünem Stahl spielen kann, liegt erst wenige Wochen zurück: Ende Juni gab Strategic Resources bekannt, dass das vanadiumreiche Magnetitkonzentrat aus Mustavaara für das FutSteel-Forschungsprojekt der Universität Oulu ausgewählt wurde. FutSteel ist ein mit 17 Mio. EUR dotiertes, bis 2029 laufendes Forschungsvorhaben, das gemeinsam mit dem schwedisch-finnischen Stahlkonzern SSAB die Umstellung des Stahlwerks Raahe auf eine wasserstoffbasierte, CO₂-arme Produktionskette untersucht. CEO Sean Cleary wertete die Auswahl als Bestätigung, dass Mustavaara über ein hochwertiges Konzentrat verfüge, das für die globale Lieferkette an Bedeutung gewinnen werde.

    Eine direkte Lieferbeziehung zwischen Strategic Resources und Salzgitter besteht bislang nicht. Dennoch dürfte den deutschen Stahlmanagern nicht entgangen sein, wer die dringend benötigten DR-Grade-Pellets am Port Saguenay produzieren will, zumal sich ein weiterer möglicher Vorteil durch den europäischen CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) für kohlenstoffarme Importe aus Kanada ergeben würde. Angesichts einer Börsenbewertung, die nur einem Bruchteil des Projektwerts entspricht, ist die Situation wie gemalt für geduldige Anleger. Allerdings muss bei Strategic Resources weiterhin mit erheblichen Kursschwankungen gerechnet werden, denn die dominanten Großaktionäre sind zwar ein Gütesiegel für das Geschäftsmodell, begrenzen andererseits aber die Zahl der frei handelbaren Stücke. Damit ist der Wert nicht nur klein, sondern auch extrem markteng.

    SSAB: EUROPAS QUASI-MONOPOLIST FÜR PANZERSTAHL

    SSAB, das als Forschungspartner das Mustavaara-Konzentrat für sein FutSteel-Programm validiert hat, gilt zugleich als Stahlwert mit einer besonderen Monopolstellung. SSAB ist über die Marke Armox in Europa faktisch der einzige vollständig nach NATO-Standards zertifizierte Hersteller von Panzerstahl. Prognosen sprechen von einem europäischen Bedarf von bis zu 8 Mio. t – die tatsächliche Produktionskapazität liegt derzeit bei unter 500.000 t jährlich. Praktisch jedes westliche Rüstungsprogramm, von Leopard 2 über Boxer bis Puma, hängt an diesem einen Lieferanten. Zudem profitiert der Konzern von den seit Juli geltenden EU-Handelsschutzmaßnahmen gegen globale Stahl-Überkapazitäten, von denen sich das Management eine Verbesserung des Angebots-Nachfrage-Gleichgewichts in Europa erhofft.

    Die jüngsten Zahlen fielen solide aus: Im zweiten Quartal stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,3 % auf 27,5 Mrd. SEK (Vorjahr: 25,6 Mrd. SEK), das Ergebnis je Aktie kletterte von 1,86 auf 2,09 SEK. Getragen wurde die Verbesserung von höheren Preisen – im Schnitt plus 6 % gegenüber dem Vorquartal, in der Sparte SSAB Americas sogar plus 7 % – sowie höheren Absatzmengen. Für das dritte Quartal rechnet SSAB wegen geplanter Wartungsarbeiten an allen Stahldivisionen allerdings mit einer saisonal bedingten Abschwächung.

    Überraschenderweise haben Analysten den Rüstungsboom bislang nicht in ihre Modelle eingepreist: Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 112,20 SEK und damit nicht allzu weit über dem aktuellen Kurs von 105 SEK. Einen Grund lieferte SSAB-Chef Johnny Sjöström selbst, der im März erklärte, dass sich die erwarteten Impulse aus den deutschen Verteidigungs- und Infrastrukturprogrammen in den Zahlen bislang kaum niederschlagen. Der Engpass liege dabei nicht bei der Nachfrage, sondern bei der Rüstungsindustrie selbst: Sie könne ihre Fertigungskapazitäten nicht so schnell hochfahren, wie es nötig wäre, um den verfügbaren Panzerstahl auch tatsächlich abzunehmen.

    EINSTEIGEN, BEVOR DER MARKT DIE STORY ENTDECKT

    Die drei Unternehmen decken unterschiedliche Stellen derselben Wertschöpfungskette ab. Salzgitter zeigt, wie groß der Bedarf europäischer Stahlkonzerne an kohlenstoffarmen Eisenerzpellets tatsächlich ist – und hat mit der jüngsten Prognoseanhebung operativ wieder Boden gutgemacht. Zudem drängen die Niedersachsen mit ihrer neuen „Task Force Defence“ genau in das Segment, in dem SSAB noch eine Quasi-Monopolstellung innehat – mit dem Ziel, diese mittelfristig aufzuweichen, auch wenn der deutsche Konzern hier noch ganz am Anfang steht. SSAB würde einen neuen Wettbewerber verschmerzen können, denn der Markt für Panzerstahl wird in den kommenden Jahren strukturell stark wachsen. Strategic Resources ist mit dem BlackRock-Projekt und dem finnischen Mustavaara-Standbein genau dort positioniert, wo der Bedarf beider Stahlkonzerne gedeckt werden könnte – abgesichert durch prominente Investoren wie Ross Beaty, Orion Mine Finance und die Provinz Québec. Für Anleger heißt das: Die Rüstungs- und Dekarbonisierungsstory ist real. Nur der Zeitpunkt, an dem sich das Narrativ tatsächlich in Umsatz und Ergebnis niederschlägt, ist schwieriger zu terminieren, als es die Schlagzeilen über den europäischen Rüstungsboom vermuten lassen. Clevere Anleger positionieren sich bereits jetzt, denn die damit verbundenen Chancen werden dem Markt nicht auf ewig verborgen bleiben.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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