31.07.2026 | 04:45
Neu im Index und gleich abgestraft: Hochtief, Almonty Industries, AT&S und Marvell Technology im Härtetest
Eine Indexaufnahme gilt als Ritterschlag. Doch Ende Juni wurde sie für gleich vier Börsenstars zur Falle. Wer auf DAX-Neuling Hochtief, den Wolfram-Hoffnungsträger Almonty Industries oder die KI-Raketen AT&S und Marvell Technology setzte, erlitt innerhalb weniger Wochen zweistellige Kursverluste. Kein Zufall, sondern ein Mechanismus, den Anleger kennen sollten – und aus dem sich womöglich neue Einstiegschancen ergeben. Wir haben die vier Aktien unter die Lupe genommen und die aktuellen Notierungen mit den Kurszielen der Analysten verglichen.
Lesezeit: ca. 6 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
HOCHTIEF AG | DE0006070006 , ALMONTY INDUSTRIES INC. | CA0203987072 | TSX: AII , NASDAQ: ALM , ASX: AII , MARVELL TECH. GRP DL-_002 | BMG5876H1051 , AT+S AUSTR.T.+SYSTEMT. | AT0000969985
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Hochtief: Wenn der Ritterschlag zur Ohrfeige wird
Der 22. Juni 2026 war ein historischer Tag für den Essener Baukonzern Hochtief: Erstmals in der über 150-jährigen Unternehmensgeschichte rückte der Wert in den DAX auf – im beschleunigten Verfahren (Fast Entry) ersetzte die Hochtief-Aktie die Porsche Automobil Holding im deutschen Leitindex. Was wie ein Triumph klang, quittierte die Börse mit einem kräftigen Rücksetzer: Von 528,50 EUR ging es seither auf aktuell 441,80 EUR bergab, ein Minus von 16 %. Der Grund liegt weniger im Geschäft als in der Mechanik der Indexaufnahme. Wochen vor dem Stichtag war der Aufstieg bereits absehbar, entsprechend hatten sich indexnahe Fonds längst eingedeckt. Am Aufnahmetag floss dann das letzte antizipierte Passivgeld, danach war die Nachfrage erschöpft. Dafür gibt es eine alte Börsenweisheit: „buy the rumour, sell the news“ – die gute Nachricht ist eingepreist, bevor sie eintritt.
Trotz solider Halbjahreszahlen und einer Erhöhung der Gewinnprognose erschien die Bewertung manchem Analysten übertrieben. Die Aktie notiert trotz des jüngsten Dämpfers mehr als doppelt so hoch wie vor Jahresfrist, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von etwa 23 auf Basis der Schätzungen für 2027 ist für einen Wert aus einer zyklischen Branche ambitioniert. Die US-Investmentbank Jefferies bewertete das Papier deshalb nach den Zahlen nur mit „Halten“, auch Bernstein Research und Barclays Capital konnten sich zuletzt nicht zu Kaufempfehlungen durchringen. Die Wachstumsfantasie durch den Bau von KI-Rechenzentren, Kasernen und anderen militärischen Einrichtungen ist aus Sicht der Experten offenbar weitgehend eingepreist, ebenso die Aktivitäten der konzerneigenen Bergbaudienstleister Thiess und Sedgman, die Mineninfrastruktur zur Förderung von kritischen Rohstoffen wie Lithium, Nickel und seltenen Erden bereitstellen. Immerhin: Das durchschnittliche Kursziel der Analysten von 499,20 EUR lässt vom aktuellen Niveau aus wieder rund 13 % Luft nach oben.
Almonty Industries: Starke Nachrichten, schwacher Kurs
Noch wesentlich härter erwischte es die Aktie von Almonty Industries, die eine Woche später, am 29. Juni, in den breiten US-Gesamtmarktindex Russell 3000 und das Large-Cap-Barometer Russell 1000 aufgenommen wurde. Der Kurs fiel seither von 16,14 auf aktuell 11,32 USD, seit dem Hoch bei über 23,00 USD im April hat sich die Notierung mehr als halbiert. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil die operative Nachrichtenlage in diesem Zeitraum ausgesprochen positiv war. Anfang Juli meldete das Unternehmen die Aufnahme des Anlagenbetriebs an der Sangdong-Mine in Südkorea, die auf dem Weg zum wichtigsten Wolframprojekt der westlichen Welt ist. Kurz darauf folgte eine Erweiterung des langfristigen Liefervertrags mit Global Tungsten & Powders, einem Mitglied der österreichischen Plansee-Gruppe: Die Laufzeit wurde von 15 auf 21 Jahre verlängert, die kontrahierte Menge um 40 % auf 4,41 Mio. metrische Tonneneinheiten erhöht und der Preis je Einheit um rund 6,3 % verbessert.
Wolfram ist wegen seiner extremen Hitzebeständigkeit – der Schmelzpunkt liegt bei 3422 Grad Celsius – für militärische Anwendungen sowie die zivile Luft- und Raumfahrtindustrie von entscheidender Bedeutung, ob in panzerbrechender Munition oder in Raketentriebwerken. Das Schwermetall wird von Regierungen weltweit als Schlüsselrohstoff eingestuft. Da etwa 80 % der Weltproduktion aus China stammen, ist Almonty die große Hoffnung des Westens auf Lieferungen aus sicheren Herkunftsländern. Neben dem Projekt in Südkorea produziert der Konzern in Portugal und entwickelt Vorkommen in Spanien und im US-Bundesstaat Montana. Die Knappheit des Materials schlägt sich auch im Preis nieder. Für eine metrische Tonneneinheit (10 kg) Wolframtrioxid werden rund 3000 USD bezahlt – ein historisch hohes Niveau. Zwar brach der Preis in Shanghai seit Mai deutlich ein (eventuell sogar wegen des neuen Angebots aus Sangdong), was aber auf die für Almonty entscheidenden westlichen Absatzmärkte keinerlei Auswirkungen hat.
Am Rohstoffpreis kann der scharfe Kurseinbruch folglich nicht liegen, eher an einer Meldung der Großaktionärin Deutsche Rohstoff AG. Diese teilte am 22. Juli mit, 5 Mio. Almonty-Aktien zu einem Durchschnittspreis von knapp 16 USD veräußert und daraus einen Ergebnisbeitrag von rund 65 Mio. EUR (vor Steuern) realisiert zu haben. Deshalb konnte sie die Gewinnprognose für 2026 anheben. Ein Großinvestor, der in nennenswertem Umfang Material in den Markt gibt, erklärt einen Teil des Kursdrucks, den Rest besorgt die Indexmechanik. Die Deutsche Rohstoff AG hält nach dem Teilverkauf noch rund 5,5 Millionen Almonty-Aktien sowie Forderungen aus Wandelschuldverschreibungen und Darlehen – ein potenzieller Unsicherheitsfaktor, der den Kurs auch nach dem jüngsten Großverkauf offenbar weiter belastet.
Möglicherweise war die Aktie im Zuge der anziehenden Wolframpreise und der bevorstehenden Aufnahme in die Russell-Indizes auch ein wenig heißgelaufen. Bewertungstechnisch ist sie im Unterschied zu Hochtief mittlerweile auf einem Schnäppchenniveau angekommen. Analysten trauen dem Unternehmen im Schnitt fürs nächste Jahr ein Ergebnis von 1,47 USD je Aktie zu, daraus errechnet sich ein extrem niedriges KGV von 7,7 – für eine Schlüsselaktie der westlichen Welt ein sehr moderates Niveau. Entsprechend groß ist der Hebel. Das durchschnittliche Kursziel der Analysehäuser von 26,05 USD signalisiert Verdopplungspotenzial. Der aktuelle Kurseinbruch könnte sich für Neueinsteiger demnach als Glücksfall erweisen. Der nächste Quartalsbericht wird für den 17. August erwartet. Sollten die Erwartungen auch nur ansatzweise erfüllt werden, sind die Voraussetzungen für eine Trendwende erfüllt.
AT&S: Vom Auftragsboom zur Index-Ernüchterung
An jenem 22. Juni, an dem Hochtief in den DAX aufgenommen wurde, zog der österreichische Leiterplatten- und IC-Substrat-Hersteller AT&S in den Stoxx Europe 600 ein. Das Muster ähnelt dem von Almonty: Von 243,50 EUR am Tag der Aufnahme in das marktbreite europäische Aktienbarometer ging es auf aktuell 140,00 EUR bergab. Angeheizt vom KI-Boom und dem Großkunden AMD war die Aktie im Vorfeld regelrecht parabolisch gestiegen – die engste Parallele zu Almonty, nicht wegen der Branche, sondern wegen der überhitzten Ausgangslage. Genau in eine solche Konstellation fällt die Indexaufnahme dann nicht als Kurstreiber, sondern als Anlass für Gewinnmitnahmen. Hinzu kommt, dass die Halbleiter-Euphorie sich im gleichen Zeitraum ins Gegenteil verkehrt hat. Vor wenigen Wochen überschlugen sich die Analystenhäuser regelrecht vor Kaufempfehlungen: Die zuletzt genannten Kursziele reichen von 245,00 EUR (Cantor Fitzgerald) über 310,00 EUR (Deutsche Bank) bis 600,00 EUR (Aletheia Capital). Bezieht man ältere und etwas skeptischere Studien mit ein, liegt der durchschnittliche Zielkurs bei 210,30 EUR, was einem Potenzial von 50 % entspricht. Angesichts des vertretbaren 2027er-KGVs von 22,5 ist das nicht aus der Welt.
Der KI- und Cloud-Boom treibt die Nachfrage nach den Spezialprodukten des Unternehmens. Vor allem IC-Substrate (Integrated Circuit Substrates), die hochkomplexe Verbindungsschicht zwischen dem winzigen Mikrochip und der größeren Leiterplatte – eine Kernkompetenz der Österreicher – sorgen für volle Auftragsbücher. Sie sind für Signalverteilung, Stromversorgung, Schutz und Kühlung zuständig. Das Management hat auf die hohe Nachfrage längst reagiert: Die Reinraumfläche im Stammwerk Leoben wird von 760 auf 2.300 m² vergrößert, auch im chinesischen Chongqing erfolgen Kapazitätserweiterungen, die auf langfristigen Kundenvereinbarungen basieren. Der nächste Quartalsbericht kommt am 4. August. Damit wird sich in Kürze entscheiden, ob der gestrige Kurssprung um 20 % nur ein Strohfeuer war oder die Korrektur bereits ausgestanden ist.
Marvell Technology: Höhenflug vor dem Fall
Dass das Muster eher die Regel als die Ausnahme ist, zeigt ein prominenter vierter Fall: Auch der Halbleiterkonzern Marvell Technology, am 22. Juni in den US-Leitindex S&P 500 aufgenommen und im Vorfeld von der KI-Welle massiv nach oben getrieben, geriet nach dem Aufstieg erheblich unter Druck. Quer durch Branchen und Indizes wiederholt sich also dieselbe Dynamik. Hier ging es von 307,86 auf aktuell 180,55 USD bergab. Trotz des Kurseinbruchs ist die Aktie des US-amerikanischen Chipdesigners mit einem 2027er-KGV von weit über 40 noch sportlich bewertet. Ob zu Recht, wird sich hier am 20. August zeigen, wenn die Zahlen fürs zweite Jahresviertel auf den Tisch kommen.
Die Aufnahme in einen bedeutenden Index ist schon lange kein zuverlässiger Kurstreiber mehr. Im Gegenteil – oft markiert der Aufnahmetag den Moment, in dem die im Vorfeld aufgebaute Nachfrage erschöpft ist. „Buy the rumour, sell the news“ beschreibt den Kern: Was absehbar war, ist eingepreist. Für langfristig orientierte Anleger stellt sich damit die Frage, ob die Rücksetzer nach dem „Aufnahme-Kater“ eher Einstiegsgelegenheiten oder Warnsignale sind. Eine pauschale Antwort gibt es nicht: Wo die Kursschwäche vor allem der erschöpften Indexnachfrage entspringt, kann sie vorübergehend sein; wo ein Angebotsüberhang oder eine überdehnte Bewertung dahintersteht, ist Geduld gefragt. Wenn die Analysten Recht behalten, ist Almonty bereits tief in der Kaufzone angelangt. Bei den übrigen Aktien hingegen besteht nach der gestrigen Erholung weiterhin das Risiko einer relativ hohen Bewertung, weshalb Anleger die Reaktion des Markts auf die nächsten Zahlen abwarten sollten.
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