18.08.2026 | 04:30
HPQ Silicon, Wacker Chemie, Cabot: Drei Aktien, ein Material – und ein Milliardenmarkt, den kaum jemand kennt
Es steckt in Zahnpasta, in Autoreifen und in der Lackschicht des Küchenschranks, doch kaum ein Anleger hat je davon gehört. Pyrogene Kieselsäure ist ein unscheinbares weißes Pulver, das seit Jahrzehnten unbemerkt ganze Industrien zusammenhält, von der Kosmetik über Klebstoffe bis zur Lebensmittelproduktion. Diesen milliardenschweren Nischenmarkt teilen wenige etablierte Konzerne unter sich auf, allen voran Wacker Chemie und dessen US-Gegenspieler Cabot – zwei Namen, die an der Börse für Solidität und Größe stehen. Ab sofort mischt ein kleiner kanadischer Herausforderer mit: HPQ Silicon will mit einem neuartigen, günstigeren Herstellungsverfahren in den Markt drängen und hat parallel noch einen zweiten, mindestens ebenso spannenden Pfeil im Köcher.
Lesezeit: ca. 6 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
HPQ SILICON INC | CA40444L1031 | TSXV: HPQ , OTCQB: HPQFF , WACKER CHEMIE O.N. | DE000WCH8881 , CABOT CORP. DL 1 | US1270551013
Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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HPQ Silicon: Vom Labor zur Pilotanlage
Pyrogene Kieselsäure, auch als Fumed Silica bekannt, ist eines der Materialien, die fast niemand kennt, ohne die aber kaum ein Alltagsprodukt auskommt. Es steckt in Reifen, Silikonen, Farben, Klebstoffen, Zahnpasta und sogar in Gewürzen, wo es als Rieselhilfe die Bildung von Klumpen verhindert. Der Weltmarkt wird je nach Studie auf mindestens 1,8 Mrd. USD taxiert und soll bis 2030 auf über 2 Mrd. USD zulegen – nach Angaben der Fachagentur MarketsandMarkets ein moderates, aber stabiles Wachstum von rund 3,5 % pro Jahr. Dominiert wird der Markt seit Jahrzehnten von wenigen Großkonzernen. Genau hier will das kanadische Unternehmen HPQ Silicon mit einem neuartigen Herstellungsverfahren ansetzen.
HPQ Silicon sitzt in Montréal und hat mit seinem Fumed Silica Reactor (FSR) ein Verfahren entwickelt, das pyrogene Kieselsäure in industrietauglicher Qualität direkt aus Quarz herstellt. Das ist im Vergleich zu herkömmlichen Produktionsmethoden kostengünstiger, weniger energieintensiv und praktisch CO₂-frei, schont also die Umwelt. Im Pilotprogramm wurde nach Unternehmensangaben erfolgreich kommerzialisierbares Material der gängigen Güteklasse „150“ produziert, begleitet von einer unabhängigen Validierung der Materialeigenschaften. Auf dieser Basis wurde mit dem ebenfalls in Montréal ansässigen Partner PyroGenesis eine technische Überprüfung im kommerziellen Maßstab durchgeführt, die das Vertrauen in die Wirtschaftlichkeit einer künftigen Großanlage gestärkt hat. Für die Umsetzung ist eine gemeinsame Tochtergesellschaft namens HPQ Silica Polvere (HSPI) vorgesehen. Ursprünglich war eine entsprechende Vereinbarung bis Ende des zweiten Quartals angepeilt worden. Der Zeitplan hat sich inzwischen verschoben – und das ist ausnahmsweise keine schlechte Nachricht: Die erfolgreiche Validierung des Pilotprogramms hat laut HPQ das Interesse potenzieller Partner deutlich gestärkt, weshalb zusätzliche Zeit für kommerzielle, rechtliche und technische Detailfragen eingeplant wird.
Zweites Standbein: Batterien für Drohnen
Unterstützung erhält HPQ von staatlicher Seite: Das kanadische Ministerium für natürliche Ressourcen hat für das parallel laufende Silizium-Anoden-Batterieprojekt Fördermittel von bis zu 3 Mio. CAD zugesagt, und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Investissement Québec ist mit 8 % an dem Cleantech-Unternehmen beteiligt. Auch die Kommerzialisierung dieses zweiten Standbeins schreitet mit Hochdruck voran. Die Silizium-Anoden-Batterien werden in Zusammenarbeit mit dem französischen Partner Novacium entwickelt, an dem die Kanadier mit 36,8 % beteiligt sind und für dessen Technologie das Unternehmen die exklusiven Vermarktungsrechte für Nordamerika unter der Marke HPQ ENDURA+ hält. Die aktuelle Gen4-Zellgeneration übertrifft die Leistung von herkömmlichen Graphit-Anoden-Batterien deutlich und hat sowohl die Sicherheits- als auch die für den internationalen Transport notwendigen Zertifizierungen erhalten. Damit sind zwei wichtige regulatorische Hürden genommen. Im Fokus der Vermarktung stehen zunächst Drohnen- und Verteidigungsanwendungen. Novacium hat bereits gezielt Batteriepakete für Drohnenhersteller entwickelt. Ergänzt wird diese Strategie durch eine im Juni unterzeichnete Absichtserklärung mit dem französischen Elektroantriebsspezialisten LN Innov mit dem Zweck, eine kanadische Plattform aus Batterie- und Motorentechnologie für den nordamerikanischen Markt zu prüfen. Weitere Meilensteine präsentierte Vorstandschef Bernard Tourillon auf dem 19. International Investment Forum. Hier geht's zum Video:
Wie die Fumed-Silica-Sparte befindet sich auch das Batteriegeschäft noch in der Kundenqualifizierungsphase vor den ersten kommerziellen Bestellungen, was den niedrigen Aktienkurs von nur 0,14 CAD (an deutschen Handelsplätzen aktuell zwischen 0,08 und 0,09 EUR) erklärt. Der Börsenwert von rund 68 Mio. CAD (42,5 Mio. EUR) entspricht ebenfalls dem Niveau eines Start-ups. Das klingt nach einem Sonderangebot: Zum Preis eines Micro-Caps gibt es zwei Zukunftstechnologien an der Schwelle zur Kommerzialisierung im Paket.
Wacker Chemie: Rückenwind aus Washington
Wacker Chemie mit Sitz in München gehört zu den weltweit größten Herstellern von pyrogener Kieselsäure unter der Marke HDK und zählt laut Marktforschern neben Evonik und Cabot zu den Schwergewichten dieser Branche. Anders als HPQ ist Wacker jedoch ein mehr als 100 Jahre alter Konzern mit breiter Produktpalette, der neben Fumed Silica auch Silikone, Polymere und – als größtes operatives Standbein – hochreines Polysilizium für Solar- und Halbleiteranwendungen herstellt. Das Polysilizium-Geschäft hat Wacker zuletzt in die Schlagzeilen gebracht. Die US-Regierung hat mittlerweile Zölle von 15 % auf Polysilizium-haltige Zwischenprodukte sowie eine Preisuntergrenze beschlossen, mit dem Ziel, heimische Produzenten vor chinesischer Billigkonkurrenz zu schützen. Da Wacker in Charleston im US-Bundesstaat Tennessee eine eigene Polysilizium-Anlage betreibt, gilt der Konzern als einer der Hauptprofiteure. Der Aktienkurs hatte bereits im Vorfeld der Entscheidung mit kräftigen Kurssprüngen reagiert.
Operativ bleibt das Umfeld für den MDAX-Konzern herausfordernd. Nach einem Nettoverlust von 805 Mio. EUR im Geschäftsjahr 2025 haben die Münchner das Sparprogramm PACE aufgelegt, das jährliche Kostensenkungen von über 300 Mio. EUR und den Abbau von mehr als 1.500 Stellen vorsieht. Dass es bereits Früchte trägt, zeigt sich an den Zahlen fürs zweite Quartal: Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 7 % auf 1,52 Mrd. EUR, der operative Gewinn legte um 85 % auf 211 Mio. EUR zu, auch begünstigt durch einen Sondereffekt bei den Pensionsrückstellungen. Für das Gesamtjahr 2026 hob Vorstandschef Christian Hartel die Prognose für das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) auf 625 bis 750 Mio. EUR an. Zusätzlichen finanziellen Spielraum verschaffte sich der Konzern im Mai durch den Verkauf von rund 2,1 Mio. Aktien der Tochter Siltronic für 188 Mio. EUR. Im Bereich Anodenmaterialien für Batterien hält Wacker zudem eine 25 %-Beteiligung am britischen Spezialisten Nexeon. Beim aktuellen Kurs von 94,15 EUR ergibt sich eine Marktkapitalisierung von rund 4,7 Mrd. EUR, was unter dem für 2026 erwarteten Umsatz von 5,7 Mrd. EUR liegt. Das spricht für weiteres Aufwärtspotenzial, allerdings ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 50 für dieses Jahr restrukturierungsbedingt sehr hoch.
Cabot: Finanzexpertin übernimmt Chefsessel
Der US-Konzern Cabot, an der Börse in New York notiert, ist mit seiner Marke CAB-O-SIL ebenfalls einer der weltweit größten Produzenten von pyrogener Kieselsäure, daneben aber vor allem im Geschäft mit Industrieruß (Carbon Black) für die Reifenindustrie aktiv. Im abgelaufenen Quartal erzielte Cabot einen Umsatz von 982 Mio. USD, ein Zuwachs von 6,4 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Segment Performance Chemicals, zu dem auch die Fumed-Silica-Sparte gehört, steigerte das operative Ergebnis um 19 % – getragen von höheren Volumina bei Batteriematerialien und pyrogenen Metalloxiden. Im klassischen Reifenruß-Geschäft (Reinforcement Materials) ging das Ergebnis dagegen wegen niedrigerer Margen um 24 % zurück. Folgerichtig baut Cabot seine Kapazitäten für leitfähige Batteriezusatzstoffe gezielt aus und bestätigte die Erwartung von rund 40 Mio. USD EBITDA-Beitrag aus dem Batteriematerialien-Geschäft im laufenden Geschäftsjahr – ein Wachstumsfeld, das der steigenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und Batteriespeichern Rechnung trägt.
Der ausgewiesene Quartalsgewinn je Aktie von 0,12 USD wirkt auf den ersten Blick schwach, ist aber überwiegend auf einmalige Restrukturierungskosten und eine Wertberichtigung im Zusammenhang mit der eingestellten Rußproduktion in Argentinien zurückzuführen. Bereinigt lag der Gewinn je Aktie mit 1,67 USD im Rahmen der Analystenerwartungen, die Jahresprognose wurde leicht angehoben – neben der laufenden Restrukturierung eine weitere Parallele zu Wacker Chemie. Zudem kündigte Cabot einen Führungswechsel an: Die langjährige Finanzchefin Erica McLaughlin übernimmt zum 1. Oktober den Vorstandsvorsitz von Sean Keohane, der nach knapp 25 Jahren in den Ruhestand geht. Mit einer Finanzexpertin an der Spitze und dem Rückenwind durch die Zollpolitik der US-Regierung ist das Unternehmen für die Zukunft gut gerüstet. Beim aktuellen Kurs von knapp 88,00 USD liegt der Börsenwert bei rund 4,5 Mrd. USD und damit etwas über dem erwarteten Jahresumsatz von 3,7 Mrd. USD. Dafür ist das KGV mit geschätzten 13,8 günstig – sowohl im Vergleich zu Wacker als auch zum US-Gesamtmarkt.
Fazit: Drei Wege zum gleichen Rohstoff
Wacker und Cabot zeigen, wie sich Großkonzerne einen Nischenmarkt aufteilen. Dagegen tritt HPQ Silicon mit einem technologisch vielversprechenden Reaktorverfahren an, das die Herstellung von Fumed Silica direkt aus Quarz kostengünstiger und energieeffizienter machen kann. Für Anleger heißt das: Wacker und Cabot bieten etablierte, wenn auch margenseitig schwankende Geschäftsmodelle, während HPQ Silicon eine Wette auf den erfolgreichen Sprung von der Pilotanlage zur kommerziellen Produktion darstellt. Klar ist auch: Sollte sich die Serie von Forschungserfolgen bei HPQ fortsetzen, könnte das innovative Unternehmen als Übernahmekandidat ins Visier der Großen rücken. Sowohl Cabot als auch Wacker könnten einen Zukauf dieser Größenordnung quasi aus der Portokasse finanzieren.
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