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15.07.2026 | 05:00

Zwischen Ölpreis-Rally und Klima-Milliarden: Wie Shell, Eni und Zefiro Methane profitieren

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Bildquelle: Pixabay

Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und dem Iran treibt den Ölpreis kräftig nach oben – und mit ihm die Aktien von Energiekonzernen wie Shell und Eni. Für deren Aktionäre ist das die gute Nachricht. Die schlechte: Ausgerechnet die Ölmultis, die aktuell von der Krise profitieren, stehen im öffentlichen Ansehen als raffgierige Klimasünder da. Um ihr Image aufzupolieren, zählen sie zu den größten Käufern freiwilliger CO2-Zertifikate. Viele davon jedoch sind zweifelhafter Qualität. Wer eine Lösung für dieses Problem sucht, landet fast zwangsläufig bei Zefiro Methane, einem bislang weitgehend unentdeckten Nebenwert aus Kanada. Das Unternehmen setzt genau dort an, wo es bei Shell und Eni am meisten hakt.

Lesezeit: ca. 6 Min. | Autor: Jens Castner
ISIN: Shell PLC | GB00BP6MXD84 , ENI S.P.A. | IT0003132476 , ZEFIRO METHANE CORP | CA98926D1069 | NEO: ZEFI

Inhaltsverzeichnis:


    Shell: Der Gigant setzt auf Imagepflege

    Die Eskalation um die Straße von Hormus schüttelt die Ölmärkte kräftig durch. Nach neuerlichen US-Angriffen auf Ziele im Iran und Vergeltungsschlägen der Revolutionsgarden sprang der Ölpreis am Montag um mehr als 7 % nach oben. Am Dienstag ging es weiter steil bergauf. Auch die Aktien der großen Ölkonzerne legten spürbar zu. Trotzdem sind sie noch günstig bewertet: Europas Branchenprimus Shell lockt nach wie vor mit einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und einer Dividendenrendite von rund 4 %. Der italienische Wettbewerber Eni setzt mit 5 % Dividendenrendite sogar noch einen drauf.

    Anders als in den Vereinigten Staaten, wo das Verbrennen fossiler Energie nach der Doktrin von Präsident Donald Trump wieder salonfähig ist, haftet den Ölmultis in Europa jedoch ein Schmuddelimage an. Um dagegen anzugehen und sich sogar als Klimavorreiter zu positionieren, zählen beide Konzerne zu den weltweit größten Käufern freiwilliger CO2-Zertifikate: Shell war mit Ausgleichszertifikaten für 9,75 Mio. t CO2-Äquivalente im Jahr 2025 die klare Nummer 1. Zum einen ist Shell über seine Handelssparte selbst einer der größten CO2-Zertifikatevermittler und verkauft Kompensationslösungen an Firmenkunden. Zum anderen nutzt der Konzern die Zertifikate, um eigene Produkte als klimaneutral zu vermarkten – etwa Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (LNG) oder Sprit an der Tankstelle. Das ist reine Kür, keine gesetzliche Pflicht. Ein Großteil der bisher gekauften Zertifikate stammt aus sogenannten REDD+-Waldschutzprojekten, deren Ziel es ist, die Abholzung zu stoppen und damit Treibhausgasemissionen zu senken.

    Genau hier liegt jedoch eines der größten Probleme. Der britische Konzern steht wegen der Qualität dieser Zertifikate in der Kritik. Recherchen von Journalisten und Umweltorganisationen kamen zu dem Ergebnis, dass ein Waldprojekt in Peru, an dem Shell beteiligt ist, Zertifikate für eine Fläche ausstellte, die bereits Jahre zuvor unter Schutz stand. Der behauptete Zusatznutzen ist also fraglich. Auch bei einem Projekt in Simbabwe musste der Zertifizierer Verra rückwirkend Gutschriften zurückziehen. Eine vielzitierte Untersuchung der britischen Zeitung The Guardian bezifferte den Anteil wirkungsloser Phantom-Zertifikate bei Verra, dem größten Zertifizierer überhaupt, auf bis zu 94 %. Parallel dazu zieht sich Shell aus mehreren Offshore-Windprojekten zurück. Erst am Montag gab der Konzern den Verkauf seiner indischen Solar- und Windsparte Solenergi Power für 1,8 Mrd. USD bekannt.

    Eni: Das Klumpenrisiko im afrikanischen Urwald

    Eni war 2025 der weltweit zweitgrößte Käufer von CO₂-Zertifikaten: Der Konzern mit dem sechsbeinigen, feuerspeienden Hund im Logo hat 6,44 Mio. t CO2-Äquivalente stillgelegt, ein Plus von über 80 % gegenüber dem Vorjahr. Die Italiener konzentrieren sich dabei auf sehr wenige, große Projekte: Der Großteil stammt aus nur acht REDD+-Waldschutzprojekten, allen voran in der Demokratischen Republik Kongo und in Tansania. Diese hohe Konzentration auf wenige Quellen macht Eni besonders abhängig von deren Qualität.

    Eni tritt ebenfalls selbst als Entwickler und Vermittler von Zertifikaten auf. Der Konzern initiiert eigene Waldschutzprojekte, meist zertifiziert nach dem Verified Carbon Standard (VCS) und dem Climate, Community & Biodiversity Standard (CCB) von Verra, und nutzt sie sowohl zur Kompensation eigener Emissionen (etwa der Tankstellen, die in Deutschland größtenteils unter dem Markennamen Agip betrieben werden) als auch zum Weiterverkauf an andere Firmen.

    Wie bei Shell mehren sich kritische Stimmen. Eine vielbeachtete Bloomberg-Recherche von 2023 zählte Eni neben Shell und Delta Air Lines explizit zu den Nutzern populärer REDD+-Zertifikate, die die versprochene Emissionsminderung in der Praxis verfehlten. Eine Studie der UC Berkeley Goldman School of Public Policy kam zu dem Ergebnis, dass ein Großteil dieser Zertifikate keine belastbare, zusätzliche CO2-Einsparung nachweist – ein Befund, der Enis Portfolio wegen dessen Konzentration auf genau diese Projektart besonders angreifbar macht.

    Zefiro: Der Problemlöser mit der Trumpfkarte

    Am anderen Ende des Marktes steht ein Unternehmen, das bislang kaum jemand kennt: Zefiro Methane. Der kanadische Umweltdienstleister verschließt alte, oft herrenlose Öl- und Gasbohrlöcher, sogenannte Orphan Wells, vor allem über die im Nachbarland USA ansässige Tochter Plants & Goodwin (P&G). Aus unverschlossenen Bohrlöchern entweicht über Jahrzehnte Methan – ein Klimagas, das kurzfristig deutlich schädlicher wirkt als CO2. Zefiro misst die Emissionen vor und nach der Verschließung und lässt daraus zertifizierte Methan-Vermeidungsgutschriften (MERCs) erstellen, geprüft nach einer eigens dafür geschaffenen Methodik der American Carbon Registry – als erstes Unternehmen überhaupt, das Zertifikate nach diesem Standard verkauft. Käufer sind bislang unter anderem die Rohstoffhändler Mercuria Energy America und EDF Trading.

    Anders als die Waldprojekte von Shell und Eni beruht Zefiros Methode auf einem direkt mess- und belegbaren Vorher-Nachher-Effekt statt auf schwer überprüfbaren Zukunftsannahmen – genau jene Qualität, die der Markt laut dem Berliner Klimaschutzunternehmen Planet2050 zunehmend sucht. Rückenwind erhält das Geschäft zusätzlich durch die EU-Methanverordnung: Ab 2027 müssen Öl- und Gasexporteure wie die USA und Katar alle Methanemissionen dokumentieren, um weiter in die EU liefern zu dürfen – ein Standard, für den Messung und Abdichtung zunehmend gefragt sind. Da passt das Geschäftsmodell von Zefiro wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

    Operativ wächst Zefiro kräftig: Im abgelaufenen Quartal setzte das Unternehmen rund 11 Mio. USD um, ein Plus von 58 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wobei das gerade erst aufgebaute Geschäft mit Zertifikaten noch kaum ins Gewicht fiel. Der Großteil der Erlöse speiste sich aus dem operativen Verschließen von Bohrlöchern durch die Tochter P&G, sowohl im Auftrag staatlicher Stellen als auch von Unternehmen. Neben den Geldern aus dem milliardenschweren US-Infrastrukturprogramm IIJA gewinnt ein weiteres Standbein zunehmend an Bedeutung: das Verschließen von Bohrlöchern auf Flächen, auf denen Energie-Infrastruktur für KI-Rechenzentren entstehen soll.

    Das Marktpotenzial ist gigantisch: Das Sanierungsvolumen für die schätzungsweise mindestens 2,2 Mio. Altbohrlöcher allein in den USA wird auf 400 bis 600 Mrd. USD taxiert. Angesichts solcher Dimensionen erscheint Zefiros Umsatzprognose von 40 Mio. USD für das gesamte, am 30. Juni beendete Geschäftsjahr 2025/26 durchaus konservativ, zumal laufend neue Aufträge eingehen. Das künftige Auftragsvolumen ist mit der vorhandenen Mannschaft kaum zu stemmen, weshalb das Management um Vorstandschefin Catherine Flax laufend nach Übernahmemöglichkeiten Ausschau hält, um an neues Personal und Equipment zu kommen.

    Fazit: Der Optionsschein auf die Zukunft

    Die entscheidende Frage ist nicht, wann wie bei Shell und Eni üppige Dividenden fließen werden, sondern wie schnell sich Zefiro für das bevorstehende Wachstum wappnen kann. Auch wenn Profitabilität in solchen Phasen der Unternehmensentwicklung meist zweitrangig ist, agiert das Management mit Augenmaß: In den zurückliegenden drei Quartalen war das operative Ergebnis stets positiv, auch wenn unter dem Strich jeweils noch ein kleiner Verlust stand. Der Grundstein für den nachhaltigen Eintritt in die Gewinnzone ist zumindest gelegt – und der große Hebel durch den Markt für freiwillige CO₂-Zertifikate entsteht gerade erst. Während die Aktien der beiden Großkonzerne eine aussichtsreiche und dank der Dividenden auch renditestarke Wette auf den Ölpreis sind, ist Zefiro Methane so etwas wie der Optionsschein auf die Zukunft. Noch sind der Kurs mit 0,47 USD (an deutschen Handelsplätzen derzeit 0,40 bis 0,42 EUR) und der Börsenwert von umgerechnet knapp 38 Mio. EUR auf Microcap-Niveau. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Kapitalmarkt auf diese außergewöhnliche Story aufmerksam wird.

    Zum erhöhten Bekanntheitsgrad dürfte auch eine soeben abgeschlossene strategische Partnerschaft mit der Well Done Foundation (WDF) beitragen. Die gemeinnützige Organisation wurde 2019 von Curtis Shuck, einem ehemaligen Manager aus der Ölindustrie, gegründet und hat seither mehr als 120 Bohrlöcher verschlossen, wodurch über 5 Mio. t CO2-Äquivalent eingespart wurden. Zunächst sollen in diesem Jahr 10 Methanschleudern in einem Naturschutzgebiet in Oklahoma versiegelt werden, 20 bis 60 weitere sind für die Zukunft vorgesehen. Obwohl es sich um ein Non-Profit-Projekt handelt, wird Zefiro von der Stiftung für die Arbeiten bezahlt. Im Vordergrund steht aber weniger der unmittelbare finanzielle Nutzen als vielmehr der langfristige Zugang zu weiteren US-Bundesstaaten wie Texas und Kalifornien, der sich daraus für das Unternehmen ergibt. Hinzu kommen Kontakte zu Unternehmen wie Oracle und ABB, die die Arbeit der WDF unterstützen.


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    Der Autor

    Jens Castner

    Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.

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